Wie paranoid und ängstlich muß man sein, wenn man als milliardenschwerer Konzern eine in Relation dazu kleine NGO ausspioniert, undercover sich einschleust, um den Recherchenstand eines Buchprojektes zu erfahren. So geschehen der Attac Schweiz nach Berichten des Schweizer TV.
"Der Spitzelskandal zeigt, wovor sich Nestlé - das schwärzeste Schaf unter den Lebensmittelkonzernen, das für seinen Profit erwiesenermaßen über Leichen geht - wirklich fürchtet: Vor aufgeklärten Verbrauchern", stellte Jutta Sundermann vom bundesweiten Attac-Koordinierungskreis fest.
Zur Geschichte
Redakteure des Westschweizer TV dürften eine neue Spitzelaffäre aufgedeckt haben. Ihren Recherchen zufolge beauftragte der multinationale Konzern Nestlé die Sicherheitsfirma Securitas damit, eine Arbeitsgruppe von Attac-Waadt (Schweiz) über ein Jahr lang auszuspionieren, während diese an einem Buch über die Machenschaften Nestlés arbeitete. Eingeschleust wurde 2003 eine Frau mit dem Decknamen Sara Meylan, die sich besonders für das besagte Buchprojekt von Attac Schweiz interessierte und schließlich mitarbeitete.
Die Sendung “Temps présent” des Senders TSR wurde am 12. Juni 2008 ausgestrahlt. Betroffen von der Spionage war die AutorInnengruppe des Buches "Nestlé, Anatomie eines Weltkonzerns" (2005). Am nächsten Tag erstattete Attac Schweiz Strafanzeige gegen Unbekannt.
Die Agentin der Sicherheitsfirma Securitas hatte sich unter falschem Namen erst in eine Arbeitsgruppe von Attac-Vaud und dann in die Gruppe der sieben AutorInnen des Buches eingeschlichen. Sie hatte so direkten Zugang (insbesondere über eine vertrauliche E-Mail-Liste der AutorInnen) zu allen Kontakten, die die sieben Personen unterhielten, zu ihren Recherchen und ihren Quellen - in der Schweiz sowie auch im Ausland. Dies im Rahmen der Arbeit am Nestlé-Buch, als auch im Rahmen der Kampagne zur Lancierung des Buches.
Im Besonderen betroffen war das Nestlé Forum in Vevey am 12. Juni 2004. Die Securitas-Agentin begab sich auch regelmässig in die Wohnungen der sieben AutorInnen, in denen die Arbeitstreffen stattfanden.
Das Buch befasst sich mit Nestlés Einstellung zu genmanipulierten Organismen und der Privatisierung von Trinkwasser, behandelte aber auch empfindliche Themen wie die Arbeitskämpfe, die GewerkschafterInnen und AktivistInnen in verschiedenen Ländern gegen Nestlé führen, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden, wie beispielsweise in Kolumbien.
Die Agentin soll Securitas regelmässig Berichte geliefert haben, die auch dessen Klientin, Nestlé, weitergereicht haben soll. Mindestens einmal hat sich die Agentin mit Verantwortlichen von Securitas in den Hauptsitz von Nestlé begeben, wo sie den Verantwortlichen für die Sicherheit und einen Verantwortlichen für die Kommunikation getroffen, und ihnen ausführlich über die Gruppentreffen berichtet hat, so Attac Schweiz.
Schweizer Polizei war unterrichtet
Die Waadtländer Polizei war ebenfalls über diese Infiltration und die so gesammelten Informationen unterrichtet. Sie war also über dieses unlautere Vorgehen in Kenntnis, hat es jedoch nicht als ihre Aufgabe erachtet, die betroffenen Personen davon zu informieren.
Reaktionen Nestle
Offiziell meint der Konzern nach Angaben der Frankfurter Rundschau, er habe davon nichts gewusst und wollte sich nur vor Aktionen im Rahmen des damaligen G8 Gipfels schützen; nur die ganze Aktion startete nach dem G8 Gipfel. Sieht man sich die Richtlinien von Corporate Governance und Unternehmensleitlinien an, dann muss man einfach feststellen, dass sich es sich hier lediglich um CEO-Prosa handelt, der man kaum noch Glaubwürdigkeit wird einräumen können (>> presse.nestle.de/data/files/statements/8.pdf ), wenn sich die Vorwürfe erhärten.
Nestle Schweiz wurde von den Glocalist Medien um eine Stellungnahme angefragt und hat nachstehende Antwort schriftlich erhalten:
"Nestlé ist verpflichtet, die Sicherheit sowohl ihrer Mitarbeiter als auch ihrer Einrichtungen sicherzustellen. Als Demonstrationen gegen am Genfer See ansässige Unternehmen während des G8 Gipfels in Evian im Jahr 2003 öffentlich angekündigt wurden, ergriff Nestlé angemessene Massnahmen. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit Securitas, einer privaten Gesellschaft, die für die Sicherheit von Nestlé-Anlagen in der Schweiz zuständig ist, sowie mit der lokalen Polizei. Diese Massnahmen gingen mit dem Schweizer Gesetz völlig konform. Bitte haben Sie jedoch Verständnis dafür, dass Nestlé aus nachvollziehbaren Gründen ihre Sicherheitsabsprachen nicht öffentlich kommentiert." (Schreiben per Mail vom 17.6.08)
Hausmitteilung
Unser Versprechen: Glocalist Medien sind frei von staatlichen Pressesubventionen und konzernunabhängig.
Ihr Abo schafft Werte: Gewinne werden zu 100% in Öko- und Ethikfonds investiert. Unabhängige Medien suchen unabhängige LeserInnen >> www.glocalist.com/index.php







