Berlin und seine BürgerInnen haben aufgeschlagen, mächtig aufgeschlagen. Der gestrige Abend in der Universal Hall in Moabit in der Gotzkowskystrasse sprengte alle Erwartungen: Es war die Gründungsversammlung der Bürgerplattform "Wir sind da!" angesetzt und es kamen mehr als 40 Organisationen und 1.152 gezählte Menschen. Ohne große Plakate und Trommeln&TamTam wurde leise dieser Termin verbreitet und der Ruf wurde auf eine beeindruckende Weise gehört : Eine Bürgerbewegung 2.0 sah gestern ihre Geburtsstunde. Für Stimmung sorgte die Band "drum attack".
Und dass dieser Abend sehr ernst genommen wurde, unterstreichen auch die zahlreich anwesenden prominenten BesucherInnen, die da waren: Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis '90/Die Grünen, Prälat Dr. Peter Neher, Deutscher Caritasverband, Dr. Johannes Michaelis, Standortleiter Berlin von Bayer-Schering, Christian Luther, Geschäftsführer Laserline, Evelyn Fischer, Intendanz Deutsche Welle Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Rektor der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB), Burhan Kesici, Islamische Föderation, Ismet Misirlioglu, Islamic Relief, Aiman Mazyek, Zentralrat der Muslime, Hayri Yasar, Attaché DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.), Dr. Christian Hanke, Bezirksbürgermeister Mitte (SPD), Prof. Dr. Barbara John, Gesobau und Jutta Leder, MdA (SPD)
Das große Bild
Schon die Einladungsschlagzeile der ersten Presseinladung machte klar, wohin die Reise gehen will: "Was Obama kann, kann Berlin auch." Damit wurde ein Nerv getroffen und einer der vielen subkutanen Bewegungen und Strukturentwicklungen hin zu Nachhaltigkeit und Menschenrechte in Berlin hat damit ein zusätzliches Gesicht, ein neues Momentum bekommen. Dazu ein kurzer Blick in Stichworten, was gerade in Berlin passiert, womit sich Berlin zu Recht als Europas Hauptstadt der Weltrettung verstehen darf. Dies alles ohne Zutun der etablierten Politik alleine aus der Kraft des neuen, alten Bündnis zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft heraus. So begreift sich "Wir sind da!" auch als dritte Kraft auf Augenhöhe vis-a-vis Wirtschaft und vor allem Politik.
Pars pro toto kann man als Zeugen und Zeichen der sich abzeichnenden Veränderungen und Strukturgründungen in Berlin in Richtung Nachhaltigkeit und Menschenrechte in Stichworten anführen: Den Social Vision Summit in Berlin mit Muhammad Yunus (sh. Bericht Glocalist Daily News >> www.glocalist.com/news.0.html ), den europaweiten Grundeinkommen-Kongress (sh. Bericht auf Glocalist Daily news >> www.glocalist.com/news.0.html ), die große Zweijahres-Konferenz zu CSR (Corporate Social Responsibilty) an der Humboldt-Universität zu Berlin (sh. Bericht auf Glocalist Daily News >> www.glocalist.com/news.0.html ), die Einrichtung des ersten Social Business Labor (Grameen Lab) an der FU Berlin gemeinsam mit dem Genisis Institut, die geplante Einrichtung der ersten europäischen Filiale der Grameen Bank in Berlin, die institutionalisierte Vernetzung der vier großen Nachhaltigkeitsinitiativen Berlins (sh. Bericht auf Glocalist Daily News >> www.glocalist.com/news.0.html ), die Gründung der Initiative SocialBar (sh. Bericht auf Glocalist Daily News >> www.glocalist.com/news.0.html ) bis hin zu der "Erklärung von Berlin" (sh. Bericht auf Glocalist Daily News >> www.glocalist.com/news.0.html ) oder dem selfHub in Berlin.
Der Boden ist bereitet, ein Murmeln geht durch die BürgerInnen Berlins, da bewegt sich was in Richtung Nachhaltigkeit und Menschenrechte. Wenn sich diese Kreise und noch andere mehr vernetzen, dann kann sich was bewegen und drehen in Berlin und Impuls sein für ganz Deutschland.
Der Gründungsabend und Hintergrund
Das Moderatorenteam - Dr. Suat Özkan und Monika Götz, beide von der Gruppe "Freie WeddingerInnen" - leitete ein mit den Worten aus der Rede von Martin Luther King "I have a Dream", womit der Gesamtbezug hergestellt und Anspruch formuliert wurde. In kompakter Weise stellten sich die 40 Gründungsorganisationen vor reichend von der Aksemseddin Moschee über die Berliner Stadtmission, Caritasverband des Erzbistum Berlin, Freie Weddinger, IG Selbständige, IZDB (Interkulturelles Zentrum für Dialog und Bildung), Kümmere dich e.V., Moabiter Ratschlag SchülerInnenladen Carotte, SOS-Kinderdorf, Sudanesische Gemeinde Berlin oder Unter Druck e.V. Die unausgesprochene Losung und Spirit lautet hier "Einheit in der Vielfalt", Einheit hinsichtlich BürgerInnenrechte, Toleranz, Respekt und Nachhaltigkeit.
Dieses neue Bündnis ist nicht aus dem Nichts entstanden und ist einen langen und weiten Weg des wechselseitigen Herstellens von Vertrauen und Verstehen gegangen - genau 914 Tage wie das Moderatorenteam erklärte.
Initiiert und begleitet wurde dieser Prozess von Prof. Dr. Leo Penta, Leiter des Deutschen Institut für Community Organizing (DICO, Berlin) und Evelyn Fischer, Leiterin der Intendanz Berlin der Deutschen Welle. Sie haben gemeinsam mit den BürgerInnen, Organisationen und mit Unterstützung der Wirtschaft diesen Prozess vor rund zweieinhalb Jahren in Gang gebracht. Als Unterstützer aus der Wirtschaft wurden angeführt die Bayer AG, Berliner Volksbank AG, Dussmann AG oder die GESOBAU, um nur einige wenige anzuführen. Die Plattform trägt sich finanziell so duch Spenden aus der Wirtschaft, der beteilgten Organisationen und Mitgliedsbeiträge. Der geplante Jahresetat liegt bei rund 100.000 Euro. Als Koordinatorin der Plattform wurde Susanne Sander neuerlich vorgestellt,.
Der Eigenanspruch wurde durch zahlreiche Ausführungen über die gewünschten Eigenschaften der Plattform "Wir sind da!" beschrieben wie Langlebigkeit - keine Projekte, sondern dritte Kraft vis-a-vis Politik und Wirtschaft auf Augenhöhe - oder Buntheit als Ausdruck von grundsätzlicher Toleranz und Offenheit.
"Wir sind da!" wurde durch zwei internationale Gastredner zu einem "Wir sind nicht alleine". Es wurde so der konkrete globale, größere Zusammenhang dargestellt: Neil Jameson, Executive Director von "London Citizens" (Web >> www.londoncitizens.org.uk ), begrüßte die Gründung von "Wir sind da!" und zeigte sich sehr bewegt und beeindruckt von diesem Abend. Infomeller Höhepunkt war die Ansprache von Thomas Lenz, Lead Organizer von Lake County United aus Chicago (USA), die zum größten Bürgerplattform-Netzwerk der USA gehört, der Industrial Areas Foundation (IAF), und die ideelen Grüße und Glückwünsche von Barack Obama ausrichtete sowie die tatkräftige Unterstützung der Plattform "Wir sind da!" durch die IAF, die maßgeblich zum Erfolg Obamas beitrug, versicherte.
Da kam dann sehr viel Bewegung und Emotion im Saal auf. Denn der eigentliche Anspruch der Plattform liegt in der Selbstermächtigung, im Empowerment der BürgerInnen, die nicht länger nur Spielball sein wollen. Man will was tun und die Verantwortlichen anschieben, so die selbstbewusste Botschaft. Und ausgesprochener Weise sieht man das Vorbild in den USA bei Obama verortet. Es wird kein simples Kopieren sein können, dessen ist man sich bewußt, sondern um die konkrete Adaptierung vor Ort.
Die Organisatoren hoffen so, dass sich weitere Plattformen gründen werden und bestehende sich in Berlin vernetzen, so beispielsweise die Bürgerplattform Berlin Schöneweide vertreten durch Ines Schilling, die Ihre Grußworte wie Wille zur Zusammenarbeit am gestrigen Abend überbrachte. Neue Plattformen befinden sich in Gründung so in Wuppertal oder München.
Es liegt ohne Zweifel noch ein langer Weg bevor - so braucht es dringend eine Web 2.0-affine Überarbeitung der Website wie eine Vernetzung mit anderen Bewegungen in Berlin zu Nachhaltigkeit und Menschenrechte, wie in diesem Beitrag beispielhaft ausgeführt, sinnvoll sein kann -, aber ein sehr viel versprechender, mutmachender Anfang wurde allemal gesetzt. Vor allem war es die optimistische Aufbruchsstimmung und die durch und durch positive Emotionalität der mehr als 1.000 Menschen, die diesem Abend seine besondere Qualität verliehen hat. Da geht was!
Kontakt & Info
Web >> www.wir-sind-da-berlin.de







