Eine solche Rezession hat es seit dem 2. Weltkrieg – also in den letzten 64 Jahren - nicht mehr gegeben. Die Medien berichten täglich über Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und fundamentale Veränderungen in der deutschen Unternehmenslandschaft wie zum Beispiel das Schicksal der Opelwerke oder die Insolvenz von Quelle.
Erinnern wir uns zurück an den Herbst 2008. Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September letzten Jahres wurde zum Auslöser einer Finanzkrise, die sich rückblickend jedoch schon länger angekündigt hatte. Das Vertrauen unter den Banken ging quasi über Nacht verloren und das gesamte globale Finanzsystem drohte zu kollabieren. Die Staaten sahen sich gezwungen, massiv einzugreifen und ihre nationalen Banken zu stützen. Dennoch konnten sie nicht verhindern, dass die Finanzkrise 2009 in einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise resultiert hat.
Nicht nur die Boni sind schuld an der Finanzkrise
Die Gründe für die Finanzkrise werden in der öffentlichen Diskussion oft auf die Bonuszahlungen der Investmentbanker reduziert. Die sich dahinter verbergende Orientierung an kurzfristigen Erfolgen ist mit Sicherheit eine der zentralen Ursachen für die Finanzkrise. Aber noch entscheidender war und ist sicherlich, dass Banken zunehmend ihre grundsätzliche Aufgabe in Wirtschaft und Gesellschaft vernachlässigt haben.
Erinnern wir uns zurück an die Fernseh-Talkshows im Herbst 2008. Dort wurde auch heftig über Lehman-Zertifikate diskutiert, die Privatkunden nicht nur von den Privatbanken, sondern selbst von Sparkassen angeboten wurden. Insbesondere von den Sparkassen hatte man diese mangelnde Kundenorientierung jedoch nicht erwartet: Sie sind ihrer Aufgabe und Verantwortung nicht gerecht geworden, Kunden ausreichend über Risiken aufzuklären und das anvertraute Geld zu bewahren.
Die Aufgabe und Verantwortung von Banken ist es aber auch, der Realwirtschaft zu dienen. Im Herbst 2008 lernten die Deutschen das Unwort „Kreditersatzgeschäft“ im Zuge des Zusammenbruchs und der staatlichen Rettungen mehrerer Landesbanken kennen. Mangels der Fähigkeit, Kredite zu vergeben und damit ihrem öffentlichen Auftrag zur Förderung der Wirtschaft nachzukommen, waren die Landesbanken in andere Geschäftsfelder vorgedrungen – und stellten somit letztendlich selbst die Frage nach ihrer Existenzberechtigung. Jedoch waren die Landesbanken nicht die Einzigen, die sich mit Kreditersatzgeschäften die Finger verbrannten: Auch der genossenschaftliche Sektor blieb deswegen nicht von der Finanzkrise verschont. Nicht nur ein Zentralinstitut des genossenschaftlichen Sektors, die DZ Bank, sondern auch die Apotheker- und Ärztebank waren betroffen und brauchten Unterstützung.
Ein grundlegendes Problem braucht eine grundlegende Diskussion
Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass offensichtlich eine übertriebene Orientierung am kurzfristigen Erfolg, fehlende Kundenorientierung sowie eine mangelnde Ausrichtung an der Realwirtschaft in alle Bereiche der deutschen Bankenlandschaft vorgedrungen sind – unabhängig von der Rechtsform. Ergo handelt es sich um ein grundlegendes Problem. Daher muss erneut eine grundlegende Diskussion über die Aufgabe und Verantwortung von Banken und deren Management geführt werden.
Und eigentlich müssen wir sogar zunächst einen Schritt zurück gehen und grundlegend über die Verantwortung jedes einzelnen Menschen sprechen. Denn jeder Mensch muss sich der Folgen seines Handelns bewusst werden. Je größer die Verantwortung ist, desto bedeutender sind die Folgen des Handelns. Diese Folgen beziehen sich nicht nur auf das direkte Umfeld, sondern am Ende auf die gesamte Menschheit und unsere Umwelt. Daher ist ganzheitliches, systemisches Denken von essentieller Bedeutung.
Banken sollen sich an Nachhaltigkeit, Kernfunktion, Transparenz und Fairness orientieren
Daraus ergeben sich klare Leitlinien für verantwortliches Handeln und Führen einer Bank:
1. Die Orientierung am Shareholder-Value greift zu kurz. Dies kann nur ein Aspekt eines umfassenden Stakeholder-Ansatzes sein, der auf einem systemischen Denken basiert. Bei einer Bank sind die klassischen Stakeholder die Kunden, Mitarbeiter und Eigentümer. Das Handeln einer Bank wirkt sich aber auch ganz konkret z.B. auf die Familien der Mitarbeiter, auf Dienstleister und die Stadt sowie das Land, in dem man tätig ist, aus. Und durch die Finanzierung, die eine Bank vergibt, nimmt sie ebenfalls Einfluss auf die Gestaltung der Zukunft. Es macht beispielsweise einen Unterschied, ob ein Kredit für den Bau eines Atomkraftwerkes oder einer Windkraftanlage vergeben wird und ob ein Kredit an einen Sozialunternehmer vergeben wird oder an ein Rüstungsunternehmen. Nachhaltigkeit muss in der Bankenwelt verankert werden.
2. Eine Bank ist ein Dienstleistungsunternehmen. Sie muss ihren Kunden und der Wirtschaft einen Dienst erbringen. Hinsichtlich letzterem ist eine wesentliche Funktion der Bank die Versorgung der Wirtschaft mit Kredit. Dies ist das klassische Bankgeschäft. Einlagen von Sparern und Anlegern werden eingeworben und verantwortungsvoll in Kredite für die Realwirtschaft investiert. Dieser Anspruch steht im klaren Widerspruch zum Geldhandelshaus, bei dem Geld aus Geld gemacht werden soll. Kreditverbriefungen und Kreditersatzgeschäften von Banken werden damit in Frage gestellt, da sie nicht im Einklang mit deren Kernfunktion stehen.
3. Nicht nur was für Geschäfte eine Bank betreibt ist entscheidend, sondern auch das „Wie“. Transparenz und Fairness sind entscheidende Attribute einer verantwortungsvollen Bankführung. Intransparente Produkte haben berechtigterweise zu erheblichen Vertrauensverlusten geführt. Transparenz bei der Produktgestaltung ist somit ein wichtiges Gebot. Produkte müssen für Kunden und Bankberater nachvollziehbar sein. Transparenz gilt auch bei der Preisgestaltung. Auch diese muss für Kunden nachvollziehbar und berechenbar bleiben. Im deutschen Bankenmarkt hat sich bereits etabliert, dass Neukunden bessere Konditionen als Bestandskunden erhalten. Dies ist ein klarer Widerspruch zum Gebot der Fairness. Treue Kunden schlechter zu behandeln als Neukunden, ist nicht nachvollziehbar. Fairness bedeutet auch faire Preise. Ein Kunde kann erwarten, dass sich der Zins am Marktdurchschnitt orientiert oder an einen Referenzzins gebunden wird. Letzteres ist insbesondere bei langlaufenden Verträgen wichtig. Sogenannte Lockvogelangebote, die weit über dem Marktdurchschnitt liegen, sind ein Widerspruch zu Fairness und Transparenz. Denn solche Angebote werden entweder aus dem Marketingbudget finanziert und sind somit nicht nachhaltig oder es werden hohe Risiken eingegangen. Hier haben Anleger im Fall der isländischen Kaupting-Bank ihr Lehrgeld bezahlt.
Wenn die Banken nicht umdenken wollen, muss es der Kunde tun
Man hat jedoch den Eindruck, dass die traditionellen Banken in Deutschland nicht wirklich dazugelernt haben. An Renditezielen wird festgehalten, Geschäftsmodelle werden nur auf Weisung der Behörden angepasst, Transparenz und Fairness sind kaum spürbar gesteigert worden. Die Verbraucher sind aufgefordert, kritisch die Angebote ihrer Bank zu hinterfragen. „Was macht meine Bank mit meinem Geld?“ ist eine zentrale Frage, mit der sich jeder auseinandersetzen sollte. Die Möglichkeiten der Verbraucher, zu Veränderungen beizutragen, sind größer, als jeder einzelne meint. Der bewusste Umgang mit Geld ist ein erster Schritt.
Ein verantwortungsvolles Bankmodell wird in Deutschland von den Nachhaltigkeitsbanken angeboten. Dieses Marktsegment verzeichnet seit Jahren überdurchschnittliches Wachstum. Diese Banken sind Umwelt, Mensch und Wirtschaft gleichermaßen verpflichtet und arbeiten somit auf Basis eines sehr breiten Stakeholder-Ansatzes. Verantwortung wird so gelebt. Die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen auf unserem Planeten steht im Fokus des Handelns. Neben der finanziellen Rendite ist die öko-soziale Rendite von gleich starker Bedeutung. Wachstum ist eben auch qualitatives Wachstum.
Durch einen engen Bezug zur Realwirtschaft konzentrieren sich die nachhaltigen Banken auf ihre wesentliche Dienstleistungsfunktion. Aber natürlich gilt auch hier: Bei vielen Gemeinsamkeiten der verschiedenen Nachhaltigkeitsbanken ist der Verbraucher aufgefordert, die Angebote auf Transparenz und Fairness zu prüfen und sich selbst ein Urteil zu bilden.
Anmerkung:
Ein Mission&Vision Beitrag von Georg Schürmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Triodos Bank N.V. Deutschland, auf Einladung der Glocalist Medien anlässlich der Eröffnung des deutschen Standortes der niederländischen Nachhaltigkeitsbank.







