Ich möchte die Nebenaspekte, ob jene unterzeichnende Unternehmen tatsächlich nachhaltig oder zumindest auf den Weg zur Nachhaltigkeit sind, und ob die oftmals in den verschiedenen Foren ausgeführte Unglaubwürdigkeit von und damit Kritik an UTOPIA stimmt oder nicht, mal außen vor lassen, sondern mich nur dem UTOPIA-Manifest, dem Text alleine zuwenden; eine Art kommentarhafter Manifest-Check.
Vorlage und Folie sind dafür jene Manifeste der Weltgeschichte, die dieses Wort aus formal-kritischer Sicht tatsächlich auch verdienen. Weiters ein stichwortartiger Abgleich, wo die Wirtschaft im allgemeinen steht im Vergleich zum vorliegenden Manifest von UTOPIA. Und schließlich, als dritte Ebene der Analyse, die Widerspruchsfreiheit.
Manifeste gelten als eine öffentliche Erklärung über konkrete Ziele und Absichten und weisen eine gesellschaftspolitische Natur auf. Damit sind auch und gerade politische Fragen und Implikationen zu diskutieren.
Zu den klassischen Manifesten zählen beispielsweise die 10 Gebote, die an konkreter Zielformulierung kaum zu übertreffen sind - Du sollst nicht töten - über das Kommunistische Manifest, das Russel-Einstein Manifest oder, um ein Beispiel aus der jüngeren Zeit anzuführen, das Cluetrain-Manifest mit seinen 95 Thesen.
Liest man das UTOPIA-Manifest glaubt man sich im Land der Nebelkerzen, der Mogelpackungen und der werblichen Märchenerzählungen.
Grundsätzlich richtet sich das "Manifest" an deutsche Unternehmen und sieht diese damit implizit als einzige Agenten des Wandels an, was, milde betrachtet, eine äußerst naive Sicht von Gesellschaft und den globalen Verhältnissen abgibt.
Jedes Unternehmen weiss heute, dass es nur einer unter vielen Akteuren ist und würde sich nicht zu einer derartigen Vermessenheit versteigern, sich als der alleinige Agent des Wandels im Namen von Nationalismus zu präsentieren. Dies kann als Ausdruck einer vorgestrigen Standesdenke verstanden werden. Da ist die Wirtschaft heute schon wesentlich weiter: weltoffener, bescheidener und hat diese elitäre Standesdenke weit hinter sich gelassen und spricht konzeptuell grundsätzlich von Partnerschaft(-en).
Diese Standesdenke ist interpretatorisch mit nationalistischen Tönen unterlegt: Das UTOPIA-Manifest lobt sich als der Ausgangspunkt einer "Deutschland AG" aus. Nicht gerade eine beruhigende Botschaft, die da aus München kommt.
Beide Aspekte aber, Nationalismus und das Selbstverständnis alleiniger Agent des Wandels (Standesdenke) zu sein, widersprechen allen gängigen Thesen von Nachhaltigkeit und sind nur schwer mit dem Ansatz der Menschenrechte vereinbar. Das vorliegende Manifest von UTOPIA kann man in seinem Ansatz im Vorgestern des Nationalismus und der Standesdenke verankert interpretieren. Auch hier ist die Wirtschaft schon wesentlich weiter und hat diese weltanschaulichen Atavismen längst überwunden. Also, inhaltlicher zweimal gravierend gefloppt und nicht auf dem Stand der Debatte und Erkenntnisse.
Im vorliegenden Manifest erfährt man weiters, dass man die gefassten Vorsätze wird nicht sofort umsetzen können. Es müssen mutmaßlich schon harte Vorsätze sein, die eine sofortige Erfüllung nicht gestatten. Ein eigentümliches Manifest, welches die Nichterfüllung seiner Ziele zum Leitprinzip erhebt.
Im generellen Disclaimer erfährt man weiter, dass man aber große Schritte unternehmen will, um nachhaltig zu wirtschaften. Hierin findet man zumindest einen relativen Begriff, denn auch ein Mäuseschritt kann dann als groß umdeklariert werden. Und was mit der nebulösen Wendung "nachhaltig zu wirtschaften" zu verstehen ist, darf man frei mutmaßen: Meint man Brundtland, meint man Rio, meint man Carlo von Carlowitz, will man sich an einem Bündel von Normen und Richtlinien orientieren wie ILO-Normen, Menschenrechte, GRI, EMAS...? Also, auch hier im Manifest-Check, kein Punkt, da nicht konkret. Und auch in dieser Frage ist die Wirtschaft schon wesentlich weiter.
Nun zu den mutmaßlich harten Forderungen, die einer sofortige Erfüllung im Wege stehen:
Man erfährt, dass es "auch" Aufgabe des Unternehmens sei, seinen Wert für die Gesellschaft und für eine intakte Umwelt zu steigern. Kann so ein Prinzip lebensfähig sein? Wachstum (Steigerung) als Selbstzweck ? Und Wachstum als Methode zur Erhaltung einer intakten Umwelt?
Mal angenommen, alle Unternehmen machen dies, dann führt dies geradlinig in die Schaffung von Monopolen. Zweitens, welcher Wert ist hier gemeint, der gesteigert werden soll? Auch hier, im besten Falle eine Leerformel der Beliebigkeit. Im schlechteren Falle meint man mit Werte alleine nur Kosten, wie der Abschlusssatz des Manifests nahe legt.
Schließlich muss man hier das unterlegte Wachstumsparadigma kritisch hinterfragen, denn eines weiss man auch aus der gesamten Nachhaltigkeitsdiskussion: Ungebremstes Wachstum und Wachstum - noch dazu nur als "Kosten" verstanden - als alleiniger Maßstab haben in die heutige Misere geführt. Auch hier ist die Wirtschaft in ihrem Erkenntnisstand wesentlich weiter und das schon seit langem, wenn man sich die Bücher von Schmidheiny in Erinnerung ruft.
Zur intakten Umwelt und diese durch Wachstum zu erhalten: Abgesehen von der Widersinnigkeit dieses Ansatzes, ist auch hier der Naturbegriff statisch und konzeptuell rückwärtsgewandt und hat von daher überhaupt nichts gemein mit dem modernen Verständnis von Umwelt im Lichte der Nachhaltigkeit, welches einen dynamischen Naturbegriff mit der sozialen Dimension verknüpft. Auch hier ist die Wirtschaft schon wesentlich weiter.
Im weiteren erfährt man im Manifest von UTOPIA, dass man über "den üblichen Rahmen hinaus ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig handeln will". Nun, was der übliche Rahmen sei, sagt man freilich nicht und würde ernsthaft ausgeführt auch große Schwierigkeiten bereiten. Auch hier Unklarheit als Prinzip.
Im nächsten Absatz kommt dann Klarheit herein: Es wird "volle Transparenz" in der Dokumentation der Maßnahmen im Bereich Nachhaltigkeit ausgesprochen. Das ist tatsächlich spannend. Wenn dieses Prinzip erfüllt wird, dann darf man schon gespannt sein, auf beispielsweise einer offenen Führung des Mailverkehrs in Sachen Nachhaltigkeit von UTOPIA.
Dies wird wohl nicht gemeint sein, aber das implizite Schlupfloch ist deutlich markiert und macht Erstaunen: Alles was nicht nachhaltig ist, wird vertuscht und nicht transparent gemacht und ist vom Offenheitsprinzip ausgenommen? Das ist eigentlich eine Beschreibung, wie Green-washing funktioniert. Man bewirbt, pardon dokumentiert, nur das, was man als nachhaltig betrachtet, über den Rest wird der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Dieser Ansatz fällt damit hinter allen Compliance-Regeln und Transparenzrichtlinien, die sich Konzerne heute schon gegeben haben: Da ist die Wirtschaft schon wesentlich weiter.
Im letzten Absatz des Manifests von UTOPIA erfährt man schließlich, dass man allen Partnern, Kunden und Lieferanten Hilfe auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit anbietet. Auch da ist die Wirtschaft schon wesentlich weiter. Denn sehr viele Unternehmen helfen nicht nur ihren unmittelbaren Interessensgruppen auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit, sondern schauen deutlich über den Tellerrand hinaus mit ihrem Engagement für soziale, bildungspolitische und andere Belange.
Abschluss bildet schließlich der Aufruf, dass man "Heute nicht auf Kosten von morgen. Hier nicht auf Kosten von anderswo." agieren will. Hier noch einmal deutlich: Nachhaltigkeit wird nur als Kostenfaktor verstanden und was nicht als Kostenfaktor verstehbar ist, ist draußen. Auch hier ist die Wirtschaft mit dem beispielsweise nachhaltigen Controllingansatz der Deutschen Controller Gesellschaft oder den verschieden Methoden(-diskussionen) von der Einbeziehung nicht-monetärer Faktoren in die Unternehmensbewertung und -steuerung wesentlich weiter.
Dieses Manifest bildet nun Grundlage für die 10 "Committments" und unternehmensspezifischen "Versprechen" der unterzeichnenden Unternehmen. Dies will ich hier für den Moment außen vor lassen und einem eigenen Kommentar zu einem späteren Zeitpunkt unterziehen.
In Summe: Das Manifest ist in allen Punkten durchgefallen und stellt in der Nachhaltigkeitsdebatte einen deutlichen Rückschritt dar, was nicht das persönliche Wollen und die gute Absicht von Claudia Langer in Abrede stellen soll, doch es gilt "mene mene tekel....".
Die Wirtschaft und gerade die deutsche Wirtschaft - und auch die ersten acht Unternehmen, die das Manifest unterzeichnet haben - sind da schon wesentlich weiter und konkreter. Und das ist mal eine gute Nachricht, denn die Latte liegt wesentlich höher als jene, die das UTOPIA Manifest gelegt hat. Nicht gesagt, dass die Lattenhöhe, die die Wirtschaft gelegt hat, schon hinreichend sei und das letzte Wort darstellt: Da gibt es noch viel Luft nach oben, aber man sollte bestehende Latten nicht nach unten verlegen wollen wie UTOPIA.
Das Manifest zum Nachlesen > www.utopia.de/userfiles/download/redaktion/changemaker_manifest_utopia.pdf
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