Dem Parlament von „Abzockia“ liegt ein Antrag auf ein neues Gesetz vor: Von Sieben Millionen Menschen sollen je zehn Euro abkassiert werden, um diese dann an zehn Profiteure auszubezahlen. Das Gesetz hat zehn sehr eifrige Lobbyisten. Denen ist jedes Mittel recht, genug Stimmen für das nützliche Gesetz zu gewinnen. Und den anderen ist es egal - wen regen schon zehn Euro auf! Und so wird das Gesetz ohne Widerspruch zur Realität. Eine Umverteilung der täglichen Art: Gewinn wird auf wenige konzentriert, Kosten und Schaden müssen alle tragen.
Dies wäre in einer echten Demokratie natürlich undenkbar! Wirklich? Dann können es keine Demokratien gewesen sein, die da in den letzten Monaten aberhundert Milliarden Euro an Volksvermögen den Finanzhaien nachgeworfen haben. Noch nie wurde so viel Geld für so wenig Nutzen ausgegeben. Es ist die unverschämteste Umverteilung von Unten nach Oben, die jemals ohne Krieg stattgefunden hat.
Ganz ohne Tote freilich geht es nicht ab. Das gleiche Jahr 2009 bringt einen weiteren traurigen Rekord: Erstmals in der Geschichte sind mehr als eine Milliarde Menschen kritisch unterernährt, verhungern millionenfach. Und in genau diesem Jahr vermelden die „Köpfe“ der reichsten Volkswirtschaften, dass diese nun stärker wachsen müssen. Schließlich wollen die enormen Schulden getilgt werden. Logisch! Eigentlich unlogisch, denn dass in einer Welt mit extrem ungerecht verteiltem Wohlstand ausgerechnet die reichsten Länder noch stärker wachsen wollen, ist global betrachtet geradezu obszön!
Wer regiert eigentlich die Welt? Und für wen?
Selbst der gefeierte Held der „Unterprivilegierten“, Barack Obama hat sich mit Tim Geithner und Larry Summers Vertreter der Wall-Street-Elite in die Regierung geholt, Männer, die kurzfristige Finanzgeschäfte und große Profite zum Zentrum ihrer Philosophie gemacht hatten und so den Finanz-Karren an den Abgrund gefahren haben.
Also - wie müsste eine Politik ausschauen, die sich der Macht der Finanzwelt tatsächlich entgegenstellen kann und die die Interessen der überwiegenden Zahl der Menschen in den Mittelpunkt rückt? Jedenfalls anders als heute. Dabei ist die Streitfrage, ob der Kapitalismus abgeschafft oder die Marktwirtschaft nur reformiert werden muss, eigentlich zweitrangig.
Erste Herausforderung wäre, eine zentrale „Weisheit“ der Politik zu widerlegen. „Die Masse ist dumm, feig und faul!“ waren die Mächtigen aller Zeiten überzeugt. Und tatsächlich, ob Tyrannen, Konzernbosse oder demokratische Politiker, sie können sich darauf verlassen, dass sich ihre Untertanen in der Regel so verhalten. Zum Glück nicht immer!
Menschen sind – wenn auch manchmal faul - keinesfalls dumm. Sie werden nur systematisch dumm gemacht. Mit einer Flut von Belanglosem und Bizarrem erwecken Gratisblätter, Kleinformate und Privat-TV den Eindruck von Informationen, gar von „Bildung“. Das ist, als würde man beim Lesen von „Micky Maus“ meinen, die Welt zu begreifen, während man tatsächlich nur Entenhausen kennt.
Dieser Macht zur Verblödung, die den heutigen Medien in ungeahntem Ausmaß innewohnt, wird freilich keineswegs - durch Bildungsoffensiven etwa – entgegengewirkt. Bestenfalls AUS-Bildung zum Fach-Mensch, das darf sein, schließlich wollen die Bienenwaben unserer „perfekten“ Gesellschaft befüllt werden. Die anhaltenden Proteste der StudenteInnen sind im Kern genau das notwendige Auflehnen gegen eine konservative Vorwegnahme der Zukunft, die Auflehnung gegen das Verwalten des Staus quo, eine Hilferuf nach Raum zum Denken, nach Nahrung für Visionen, nach Bilder einer anderen Welt.
Unterstützung durch die Politik gibt es dafür freilich kaum. Das legt den Verdacht nahe, dass unsere Bildungsmisere gar kein Versehen ist. Ein auf modisches Schnickschnack, die Lotto- und Sportergebnisse und die Eskapaden der Stars beschränkter Horizont kann nützlich sein, denn die Mächtigen brauchen keine mitdenkenden, informierten Menschen, die ihnen auf die Finger schauen. So wie Industrie-Bosse ein gerüttelt Maß an Arbeitslosen brauchen, um die Ansprüche der ArbeitnehmerInnen zu dämpfen, so braucht eine reaktionäre Politik die Heerscharen obrigkeitsgläubiger und möglichst ungebildeter Untertanen.
Die eigentliche Schande dieser Misere ist nicht, dass Politik primär im Interesse der Mächtigen agiert, sondern, dass die überwiegende Mehrheit dies geschehen lässt. „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“, wird der französische Monarchist Joseph Marie de Maistre zitiert. Schon davor haben kritische Denker bemerkt, dass Macht nur möglich wird, wo Ohnmacht sie erlaubt! So gesehen haben auch wir die Regierungen, die wir verdienen!
Aber womit haben wir DAS verdient?
Wie kann geduldet werden, dass die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den um ihre Existenz Ringenden ständig wächst, nicht nur global, sondern sogar innerhalb unserer Gesellschaften? Woher kommt die lähmende Ohnmacht der Untertanen?
Der raffinierteste Trick der Profiteure ist dabei die systematische Entsolidarisierung der Verlierer. Tag täglich, mit allen Sinnen und auf allen Kanälen erfahren wir: ‚Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Und Viele scheinen das tatsächlich zu glauben. Statt Mauern niederzureißen, wird das Heil in neuer Ausgrenzung gesucht. Und weil allen Verängstigten das Hemd näher als der Rock ist, kann eine Politik, die soziale Kälte schafft, absurder Weise auf Unterstützung durch genau die Verlierer zählen. Und so bleibt die Frage, warum die Politik die großen Mehrheiten zu Gunsten der reichen Minderheiten zur Kasse bitten kann, weitgehend ungestellt.
Statt dessen wird der Mehrheit der Systemverlierer eine dreiste Lüge serviert: Jeder und jedem stünde ein Platz an der Sonne offen. Und während das Wahlvolk untertänig auf sein Sonnenplätzchen wartet, wächst die Kluft weiter, zerstört den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaften und gefährdet den weltweiten Frieden. Diese „mörderische Weltordnung“, wie sie Jean Ziegler in seinem neuesten Buch anprangert, nährt Hass, der Schritt zum Bombenwerfen ist nicht weit, was neue Zäune heraufbeschwört, die neuen Hass schüren…
Wirklich demokratische Gesellschaften könnten diese Diskrepanzen regeln, denn sie wären in der Lage, ethische und globale Grundsätze als selbstgewählte Rahmenbedingungen für Politik und Wirtschaft vorzugeben. Ein solches Regulativ würde dem Wirken eines „gesunden Hausverstandes“ gleichkommen, sozusagen ein „gesunder Globalverstand“.
Heute ist die progressive Zivilgesellschaft Ausdruck dieses wachsenden Globalverstandes ist. Sie sieht sich als solidarische Kraft gegen Gier und Eigensinn und bietet „Heimat“ für verantwortungsbewusste WeltbürgerInnen. Dabei geht das Selbstverständnis weit über eine wohltätige Rolle hinaus. Es reicht nicht, die Folgen von Gier und Eigensinn zu mildern. Es gilt, ein völlig neues Bild der Welt zu vermitteln.
Das Bild einer fairen Gesellschaft, in der Menschen in Frieden untereinander und in Frieden mit der Natur leben können, mit Lebensstilen, die global verträglich sind. Eine Welt, in der als selbstverständlich begriffen wird, dass Ausbeutung von Menschen, Ausrottung von Tieren, massenweiser Fleischkonsum, häufiges Fliegen und ewig wachsender Konsum nicht nur unfair und unethisch, sondern mit dem kleinen „Raumschiff Erde“ völlig inkompatibel sind.
Dabei treten Menschen wie Sie und ich, allein oder organsiert, laut oder leise gegen eine gigantische Konsum-Profit-Politik-Maschinerie an, die den Untertanen genau das Gegenteil weis macht – und dabei oft genug noch offene Türen einrennt. Die Chancen in diesem Kampf mit ungleichen Mittel? Wir sind auf der richtigen Seite! Freilich, um die Verhältnisse zu ändern, müssen wir unser Verhalten ändern! Aber Verhalten ändert sich am ehesten, wenn sich die Verhältnisse verändern. Also womit beginnen?
Tatsächlich haben zentrale Maßnahmen die Verhältnisse weltweit schon oft verändert, allerdings meist zum Nachteil der ohnehin Benachteiligten, etwa durch die Liberalisierung von Waren- und Finanzmärkten im Rahmen der WTO. Alle Versuche, die Verhältnisse „von oben“ zu verbessern, sei es durch die „Millenniums Ziele“, auf Finanzgipfeln oder Klimakonferenzen können bislang als gescheitert angesehen werden.
Die intellektuellen Konzepte übersehen, dass es die rational agierende (Welt)Regierung, die all die klugen Vorschläge durchsetzen könnte, nicht gibt. Und womöglich nie geben wird. Es reicht nicht, wenn in elitären Kreisen der UNO in New York oder auf Klimakonferenzen über die Grenzen von Gier und Wachstum gesprochen wird, zugleichin jeder Volkswirtschaft aber Anreize und Prämien für die kurzfristigsten nationalen Vorteile angeboten werden. Die Politik steckt in einer Doppelmühle, aus der es mit eigener Kraft kein Entrinnen mehr gibt. Auch nicht für Superstar Obama.
Deshalb muss die Einsicht von Begrenzungen, der Drang nach Fairness und der Wunsch, eine bessere Zukunft zu gestalten von „unten“ kommen, in uns selbst wachsen, in den Schulen, im Verein, am Stammtisch, durch die alternativen Medien gefördert werden.
Diese Selbst-Ermächtigung wird zentrale Aufgabe der Zivilgesellschaft.
Ein für alle ErdenbürgerInnen attraktives und zugleich ethisch vertretbares Ziel ist das „gute Leben mit einem global fairen Footprint“. Mit dem Wissen über globale Zusammenhänge treffen verantwortungsvolle WeltbürgerInnen ihre Wahl: Sie wählen eine weitgehend vegetarische Diät, - wählen, kein Flugzeug zu brauchen, wählen Ökostrom, wählen, vom Auto und Besitztümern nicht abhängig zu werden. Nicht Zwang, sondern Solidarität mit den Benachteiligten und Achtung der Zukünftigen sind ihr Antrieb.
Authentisch leben ist der eigentliche Luxus!
Selbst wer sich nicht viel leisten kann, kann sich leisten, das, was als richtig erkannt wird, auch tatsächlich zu tun. Authentizität überzeugt Menschen. Aus trockener Information wird auf diese Weise Erkenntnis, aus Einsicht werden Taten, aus Mitgefühl wird gelebte Solidarität. Immer mehr Menschen werden damit ermächtigt, an Debatten über gemeinsame Fragen teilzuhaben und Problemlösungen vorzuschlagen. Belohnt wird dies durch das Erlebnis, als soziales Wesen mehr zu schaffen, als alleine je möglich wäre.
Tatsächlich ist die Zahl der aufklärbaren WeltbürgerInnen im Steigen. Paul Ray nennt sie die „cultural creatives“ und beziffert sie bereits mit etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung der OECD Länder. Dazu kommen die Milliarden von Menschen, für die Veränderung in Richtung Fairness überlebensnotwendig ist. Gemeinsam und organsiert könnten diese noch stummen Mehrheiten eine „Politik für Menschen“ gestalten.
Mit aufgeklärten WeltbürgerInnen als Rückendeckung könnte nicht nur Obama wieder „Herr im Hause“ werden. Die ursprüngliche Idee von Politik als Ort des Interessensausgleichs könnte Wirklichkeit werden, allerorten könnte begonnen werden, die gefährliche soziale und ökologische Schieflage auszugleichen. Noch Undenkbares könnte augenblicklich Möglich werden. Ob hohe Vermögens- und Spekulationssteuern, ein bedingungsloses Grundeinkommen, direkte demokratische Elemente oder wirksame Abgaben auf Flugbenzin, Fleisch oder andere Klima-Killer.
So gesehen ist Zivilgesellschaft Verbündete der Politik gegen die maßlosen Begehrlichkeiten der kurzfristig ausgerichteten (Geld)-Wirtschaft. Abseits von Profit und Machtstreben können Visionen entstehen und Maßnahmen reifen, bis ihre Zeit gekommen ist, bis sogar die notwendiger weise kurzfristige Politik, mit dem Mandat ihrer BürgerInnen, kühne Schritte in die Zukunft wagen kann.
Zugleich ist Zivilgesellschaft aber auch notwendiger Gegenspieler der Politik und bietet aktiven BürgerInnen ein forum und den notwendigen Schutz vor der missbrauchenden Macht des Staates. Im Einklang mit dem Kern der demokratischen Idee verstehen sich aufgeklärte WeltbürgerInnen als Souverän, als Akteur und Ziel der Politik zugleich. Wir, das Volk…., wir, die ErdenbürgerInnen.
Damit taugen sie für Eines sicher nicht: als Untertanen.
Aber ist eine Politik ohne Untertanen, ein wirklich fairer Ausgleich der Interessen überhaupt denkbar? Alles andere ist im „Raumschiff Erde“ jedenfalls auf Dauer undenkbar! Das Fenster zwischen „gesellschaftlichem Erwachen“ und globaler Katastrophe könnte dabei allerdings kurz sein. Um die Chance auf den friedlichen Wandel nicht zu verpassen, vernetzen sich die alternativen Kräfte in Wissenschaft, Unternehmerschaft und Zivilgesellschaft, lassen Visionen Abseits von Profit-Zwang und Wahl-Arithmetik reifen und schaffen gemeinsam Inseln der Nachhaltigkeit. Nicht als Untertanen, sondern als gleichberechtigte Reisegefährten auf dem Weg in eine lebensfreundliche Zukunft. Ich bin dabei. Und Sie?
Autorennotiz: Pekny Wolfgang, Geschäftsführer der Plattform Footprint und Obmann der Initiative Zivilgesellschaft. Mitglied des Beirats der Glocalist Medien (Berlin).
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Freitag, 10. Feber 2012 - Eine andere Information ist möglich!



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