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Die Medien in der Krise


Berlin (29.1.10): Vom Rausch des Goldes und der Suche nach dem Spaten. Von Michael Böl
1848 begann der große Goldrausch in Kalifornien. Das Land, in dem das Gold gefunden wurde, gehörte dem Großgrundbesitzer Johann August Sutter, dessen Rechte aber nicht respektiert wurden. Er ist verarmt gestorben. 80.000 Menschen sind wegen des Goldes nach Kalifornien gezogen und haben ihre Tätigkeiten in den Fabriken der Ostküste dafür aufgegeben. Gefunden wurden ca. 30 Gramm Gold am Tag, was wertmäßig dem Tageslohn von 20 Personen entsprach.

Gibt es Parallelen zum WEB 2.0? Sind die alten Medien die Großgrundbesitzer, deren Rechte nicht geachtet werden? Oder ist der Goldrausch nach dem Platzen der Dot-Com-Blase schon lange vorbei?

Wenn man den Vergleich zuläßt, fällt auf, dass weder das formale Recht am Gold, noch das emsige Goldsuchen Geld und Erfolg gebracht hat. Den wahren Erfolg hatten die Anbieter von notwendigen Hilfsmitteln wie Spaten oder Siebe.

Sollen die Medien ihre Besitzrechte verteidigen oder überlegen, ob sie Spaten verkaufen wollen? Man beobachtet, dass sie die Urheberrechte verteidigen wollen, ihnen aber wie Johann August Sutter kein rechtes Mittel einfällt, dies – insbesondere untereinander - durchzusetzen. Doch woran liegt das? Sutter hatte vor dem Goldrausch mit seinem Besitz nicht viel anzufangen gewußt. Er hat kein Gold verkauft oder innovativ dafür gesorgt, es zu vermarkten. Er hat auch keine Spaten produziert oder Unterkünfte für Goldsucher gebaut. Er hat den Goldrausch verschlafen.

Die Medien handeln heute genauso. Sie vermarkten ihr Gold nicht, sondern beharren auf Besitzrechten. Doch gleichzeitig reduzieren sie ihr Gold. Sie bauen Redaktionen ab und kürzen beharrlich an der Qualität. Und ihnen fällt nicht einmal auf, dass sie schon bisher nicht ihr Gold verkauft haben. Nehmen wir das Beispiel Fernsehen. Verkauft wurde Werbung, die eigentlich niemand sehen wollte. Und der freie und möglichst kostenlose Zugang zu Inhalten wurde - zugespitzt am Beispiel Fußbalbundesliga - zum Kulturgut erhoben und damit z.B. das alternative Geschäftsmodell Pay-TV massiv behindert. Natürlich finden das alle Verbraucher gut. Wer zahlt schon gerne, wenn es das gleiche auch umsonst gibt.

Um nicht mißverstanden zu werden: Die Debatte, ob öffentlich-rechtliche Fernsehsender ihre Rundfunkgebühren dafür verwenden dürfen, innovative Geschäftsmodelle zu behindern, greift viel zu kurz. Das eigentliche Problem besteht darin, dass mit dieser rückwärtsgewandten Strategie das Entstehen neuer Modelle systematisch verhindert wird. So erfolgen zwangsläufig die Veränderungen im Mediengeschäft nicht als Evolution, sondern als eruptive Revolution.

Für öffentlich-rechtliche Sender brauchen wir keine Werbe- und Betätigungsverbote. Im Gegenteil, sie sollen bei der Ideenfindung mitspielen. Aber bitte nicht mit Pseudogeschäftsmodellen, bei denen Inhalte auf immer neueren Wegen verschenkt und verschleudert werden. Wir brauchen Ideen für plurale öffentliche Debatten, an denen alle Nutzer nicht nur als Empfänger partizipieren können.

Doch die Krise ist größer. Global kämpfen die Verleger mit dem Geschäftsmodell von Google. Hat Google den Spatenverkauf neu erfunden? Google sucht Inhalte und verdient viel Geld. Aber womit eigentlich? Google verkauft keine Spaten. Es verschenkt Spaten! Das Geschäftsmodell von Google ist ungefähr genauso innovativ wie eine kostenlose Sonntagszeitung. Redaktionelle Verantwortung fast null bei flächendeckender Verbreitung. Und es gibt genügend Menschen, die Geld dafür ausgeben, bei Google und in den Sonntagszeitungen erscheinen zu dürfen, sei es als Anzeige oder in anderer Form. Wir erinnern uns: 30 Gramm Gold reichten aus, um 80.000 Menschen anzulocken. Das Geschäftsmodell von Google beschleunigt den Übergang in die Revolution. Das alte Geschäftsmodell der Medien wird auf die Spitze getrieben und damit schnell und effektiv zerstört. Der Weg wird frei für etwas grundlegend Neues.

Im Web 2.0 entstehen völlig neue Medienformen. Hier kontrollieren sich die Nutzer gegenseitig. Nur deshalb kann man es heutzutage wagen, einen Artikel aus Wikipedia zu zitieren. Die Schwarmkontrolle funktioniert. Authentische Profile von Menschen haben zu Recht eine hohe Glaubwürdigkeit. Der Absender ist transparent und für seine eigene Reputation verantwortlich. Niemand kann sich rausreden, er habe nicht gewußt, wie die Firma nun hieß, bei man gearbeitet hat oder in welchem Jahr das war. Positivbeispiele sind hier XING oder LinkedIn im Gegensatz zu Twitter oder Facebook, die es mit der wahren Identität absichtlich nicht so genau nehmen. Und Marcell D‘Avis von 1 & 1 zeigt positiv, was Authentizität übertragen auf Firmenkommunikation bedeuten kann.

Wir müssen erkennen, dass die Medien nicht die wahren Besitzer der Inhalte sind. Sie haben sie sich in der Vergangenheit nur angeeignet. Recherche als Spätform der Goldsuche. Zukünftig brauchen wir Medien als Vermittler zwischen diesen authentischen - und auch parteiischen - Partikularäußerungen. Wir brauchen keine verdeckt gekauften Blogeinträge – und schon gar nicht von Medien selbst wie dieser Tage von der Süddeutschen Zeitung. Und wir brauchen keine Tarnorganisationen wie Wählerinitiativen und Unterstützungskomitees wie bisher in Amerika. Die Diagnose des amerikanischen Supreme Court, dass die bisherige Wahlkampfbegrenzung für Firmen und Gewerkschaften die Meinungsfreiheit behindert hat, ist nachvollziehbar. Doch aus der Freigabe entsteht noch nicht unbedingt eine offene Kommunikation.

Eine Folge des Goldrausches war die Entstehung Kaliforniens als 31. Staat der USA. Wahrscheinlich war dies auch der eigentliche Sinn, um die Menschen von der Ostküste wegzulocken. Um in den Bildern zu bleiben: Der neue Staat ist die plurale Meinungsdemokratie, in der die Absender von Nachrichten und Botschaften und deren Interessen völlig selbstverständlich offengelegt sind. Und die Krise der Medien ermöglicht es, diesen Schritt bald zu gehen.

Von diesem Verständnis der Krise sind die Medienschaffenden weit weg. Denn wer möchte seinen Enkelkindern schon gerne sagen: „Ja, damals beim Goldrausch habe ich Spaten verkauft und daran kräftig verdient. Aber nein, nach Gold habe ich nicht gesucht.“

Autorennotiz: Dr. Michael Böl, Kommunikationsberater in Berlin.


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