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KOMMENTARE

Franz-Theo Gottwald, Schweisfurth-Stiftung

 

Exklusiv-Interview: Gottwald über Social Business&CSR


München/Berlin (21.1.10): Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand Schweisfurth-Stiftung (München), im Dialog mit Christian Neugebauer zu Social Business, Vision Summit und der Gefahr des „Social-Washing“, Wende zur Nachhaltigkeit, die gesellschaftspolitische Dimension der Nachhaltigkeit und über die Beraterszene in Sachen Nachhaltigkeit.
GLOCALISTt: Wende zur Nachhaltigkeit: Die Wirtschaft wendet sich verstärkt der Nachhaltigkeit zu, das Thema gewinnt an Akzeptanz, doch es scheint sich nur wenig zu bewegen. Wo sehen Sie die aktuellen Herausforderungen?

Gottwald: In der Tat, mit Rückblick auf Kopenhagen scheint sich nur wenig zu bewegen. Andererseits ist es geglückt, mit dem 2-Grad-Ziel eine kritische Größe auf die klima- und mithin wirtschaftspolitische Agenda zu setzen. Im Übrigen ist ja die 2-Grad-Initiative (> www.initiative2grad.de ) von Unternehmern wie Michael Otto getragen. In so fern könnte man sagen, dass weite Teile der Wirtschaft die Notwendigkeit des Umsteuerns Richtung Nachhaltigkeit erkannt haben und auch die politische Agenda konstruktiv mitbestimmen.

Für Wirtschaft und Politik gleichermaßen ist die Fokussierung auf das Thema Emissionsrechte und Emissionshandel und die hierin liegenden Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung – könnte nämlich jeder Mensch auf der Welt seine ihm rechnerisch zustehenden zwei Tonnen CO2-Emission pro Jahr mit einem guten Preis in den Verkehr bringen – eine wirkliche Herausforderung, die das Verhandlungsgeschick aller Anspruchsgruppen bedarf. In diesem Feld wäre man auch schnell aus Bekenntnissen heraus, die zweifelsohne zwei Grad Klimazielen oder 350 ppm CO2-Klimazielen (www.350.org) anhaften.

Die aktuelle Herausforderung liegt darin, Klimagerechtigkeit in praktische Programme der Wirtschaftsakteure und in politische Reglements zu bringen. Entsprechende Maßnahmen müssten flankiert werden von Armutsbekämpfung, Behebung des weltweiten Bildungsnotstands für einen nachhaltigen Lebensstil und Überwindung des moralischen Notstands, in dem viele politisch und wirtschaftlich Verantwortliche leben, was Korruption, Bestechung, kurzfristige Vorteilsnahme, Karrierismus und allgemeine Charakterschwäche angeht.

GLOCALIST: In jüngster Zeit kam und kommt der Social Business Ansatz verstärkt in die Diskussion und wird als Hoffnungsansatz vorgestellt. Teilen Sie diese Auffassung und wo sehen Sie die Grenzen und Potentiale des Social Business Ansatzes wie er sich aktuell darstellt im Rahmen des Vision Summit?

Gottwald: Der Social-Business-Ansatz ist in Ländern der sich entwickelnden Welt ein Hoffnungsimpuls. Er taugt dazu, wie Mohammed Yunus mit seinen Ergebnissen aus dem Grameen-Social-Business insbesondere in Bangladesh belegt, konkrete Not zu lindern und Armut zu bekämpfen. Mit den von ihm in Zusammenarbeit mit teils auch multinationalen Firmen entwickelten Geschäftsfeldern, werden Basisbedürfnisse wie Ernährung und Bekleidung schneller und besser befriedigt, als es durch andere Maßnahmen, beispielsweise aus der Entwicklungshilfe, bisher gelang.

Die Potenziale des Social-Business-Ansatzes für die deutschen oder europäischen Verhältnisse zu mobilisieren, setzt allerdings eine genaue Analyse voraus der Engpässe oder der in den nächsten Jahren zu erwartenden Lücken im Netz der Sozialindustrie. Rund um soziale Aufgaben wie Kinderbetreuung, Gesundheitsarbeit, Altenpflege, der Musikerziehung und der künstlerischen Bildung, des sanften Reisens, etc. kann ich mir auch hier Sozialunternehmen vorstellen. Ebenfalls im weiten Feld der Kontrolle politischer Gremien, Institutionen, Parteien und Behörden. Hier gibt es schon Beispiele für Geschäftsmodelle rund um die Lobbyismusbekämpfung, die Transparenzschaffung oder die Förderung von Menschenrechten.

Allerdings sind die Grenzen für ein innovatives Social-Business z.B. in Deutschland durch das Gemeinnützigkeitsrecht und das entsprechende Steuerrecht gezogen. Im übrigen ist der so genannte Dritte Sektor des Wirtschaftens, in den der Social-Business-Ansatz sich einfügen müsste, in Deutschland und den anderen Ländern Europas schon sehr ausdifferenziert, so dass die Hoffnungspotenziale deutlich kleiner sind als in den Ländern der sich entwickelnden Welt.

Um den Social-Business-Ansatz für Informationsgesellschaften zu erschließen bräuchte es darüber hinaus ein neues Paradigma von Wirtschaften, beispielsweise im Sinne einer „Ökonomie der Gabe“ (Bataille, Derrida, etc.) Derzeit fehlt die „Mühe des Begriffs“. Ohne neue Konzepte von „Gewinn“, „Preisbildung“, „Wachstum“, „Verteilung“, werden sich mögliche Potenziale im Social-Business kaum erschließen oder es bleibt bei etwas differenzierteren Zugängen der so genannten Corporate Social Responsibility.

Besonders achtsam sollten Unterstützer des Social-Business-Ansatzes vor allem sein, wenn multinational aktive Konzerne in das Themenfeld einsteigen. Vorwürfe von Green-Washing oder Social-Washing sind schnell naheliegend. Wenn Social-Business zu nah an Corporate Social Responsibility-Maßnahmen rückt, wird es seine Potenziale nicht entfalten können.


GLOCALIST: Die gesellschaftspolitische Dimension ist nur unterschwellig in der Nachhaltigkeitsdebatte zu verorten. Wird hier die Politik außen vor gelassen? Was sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen gesellschaftspolitischen Herausforderungen, um eine Wende zur Nachhaltigkeit möglich zu machen? Braucht es überhaupt gesellschaftspolitische Fragestellungen?

Gottwald: Ja, es braucht verstärkt gesellschaftspolitische Fragestellungen. Ich vertrete die Auffassung, dass es ohne politisch auszuhandelnde und per Gesetz festzulegende und in Vollzug zu kontrollierende soziale und ökologische Rahmenbedingungen für das Wirtschaften keine Zukunftsfähigkeit oder Nachhaltigkeit entstehen kann. Hier weiß ich mich mit den Kollegen, beispielsweise vom Ökosozialen Forum Europe (www.oesfo.at) einer Auffassung.

Um ein Beispiel aus meinem Arbeitsfeld der Agrar- und Ernährungspolitik zu geben: das bisherige Welthandelssystem rund um Agrar- oder Ernährungsgüter muss politisch weiter entwickelt werden, so dass die sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen der Produktion von Rohstoffen als Handels relevant erkannt werden und für die Erhebung von Zöllen herangezogen werden. Oder, ebenfalls in diesem Politikfeld, Subventionen für den Export von Agrargüter aus den reichen Wirtschaftsräumen in die sich entwickelnden Wirtschaftsräume (Milchpulver, Geflügelteile, Rindfleisch, etc.) müssten verboten werden, damit sich Märkte in den sich entwickelnden Ländern, speziell im Afrika südlich der Sahara, entfalten können.

Darüber hinaus könnten Politiker innovativ werden und Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Wirtschaften schaffen, wenn sie die vielfältigen Abhängigkeiten oder Wechselwirkungen zwischen Ernährungswirtschaft, Energiewirtschaft einerseits und Entwicklungspolitik und Klimapolitik andererseits, integraler als bislang behandeln würden.

GLOCALIST: Wenn wir einen Blick auf die professionelle Beraterszene in Sachen Nachhaltigkeit werfen, wo sehen Sie hier die wesentlichen Herausforderungen oder ist eh alles im Lot? Wie würden Sie den aktuellen Stand charakterisieren?

Gottwald: Die professionelle Beraterszene konzentriert sich derzeit immer noch auf das Erfassen und Beschreiben von Nachhaltigkeitsaktivitäten in Unternehmen. So werden beispielsweise Nachhaltigkeitsberichte bei den meisten Unternehmen unter externer Beratung verfasst. Da und dort zeigt sich aber auch das Neue: Nachhaltigkeit als strategisches Thema zum Aufbau von Geschäftsfeldern zu nutzen.

In diesem Sinne berät beispielsweise die Lüneburger Schule um Professor Schaltegger. Perspektivisch muss es darum gehen, Nachhaltigkeit in das Unternehmenszielsystem zu integrieren und Managementinstrumente, wie beispielsweise die Balanced-Score-Card so weiter zu entwickeln, dass Nachhaltigkeitsthemen gezielter bearbeitet werden können, z. B. im Energie- oder Ressourcenmanagement oder im Entsorgungsmanagement oder aber auch in der Gestaltung von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. Es geht darum, das Nachhaltigkeitsthema aus der Kommunikation nach außen in eine Kommunikation nach innen in die Unternehmen pragmatisch und verständlich zu transferieren.

Wie Studien beispielsweise des Instituts für Marken- und Kommunikationsforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen zeigen, ist es für Unternehmen der Ernährungswirtschaft, der Reinigungsmittelindustrie, der Automobilindustrie und der Elektrogerätehersteller leichter, Nachhaltigkeitsthemen nach innen, wie nach außen zu spielen. Schwieriger ist es für Unternehmen der Textilwirtschaft, ökologische oder soziale Themen in den Markt hin so zu positionieren, dass dadurch Verkaufserfolge gesteigert werden.

Eines muss in allen Branchen verhindert werden: dass die Arbeit an Nachhaltigkeitsthemen nur dem Aufpolieren des Image dient. Damit geht einher, dass die in einer fairen Bezahlung und Behandlung von Mitarbeitern oder in einer umweltverträglichen Herstellung liegenden Wirtschaftspotenziale nur langsam zur Entfaltung kommen. Sich auf den Pfad der Nachhaltigkeit zu begeben, heißt die Mühen der Ebene nicht zu scheuen und Zeit und Geduld mitzubringen und auch Geld für eine entsprechende Entwicklung in die Hand zu nehmen.


GLOCALIST: Zum Abschluss eine Frage zur Schweisfurth-Stiftung. Welche werden die kommenden, aktuellen Schwerpunkte darstellen und wo sehen Sie für die Stiftung im Lichte des Gesagten aktuelle Herausforderungen?

Gottwald: Die Schweisfurth-Stiftung wird sich nach wie vor um die Vermittlung des Nachhaltigkeitsparadigmas in die Ernährungswirtschaft kümmern. Ein besonderes Anliegen ist es dabei, den Mittelstand und die Familienunternehmen stärker zu erreichen. Dafür engagiert sich die Schweisfurth-Stiftung beispielsweise bei der Arena für Nachhaltigkeit (www.nachhaltigkeitsarena.de), die 2010 zum dritten Mal stattfinden wird.

Eine verstärkte Förderung wird der Entwicklung eines Ethos der Nachhaltigkeit gewidmet sein. Die ethisch-kulturelle Seite nachhaltiger Entwicklung ist zu fordern. Dazu gehört es, Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität, Souveränität, Menschenwürde, etc., gerade für die zukunftsfähige Bewirtschaftung von Gemeingütern wie Böden, Wässer, Atmosphäre, Fischgründen jenseits der 200-Meilen-Zone, der Meeresböden, der Antarktis, der Stratosphäre zu erschließen.

Es braucht neue Modelle multinationaler Kooperation und die Herausarbeitung der „Menschenpflichten“, damit in Zukunft nicht die militärischen Auseinandersetzungen zunehmen werden. Die Schweisfurth-Stiftung arbeitet in diesem Zusammenhang mit dem World Future Council, dem Ökosozialen Forum Europa, Slow Food International zusammen und in Deutschland mit dem Bundesverband der Regionalbewegung, Slow Food Deutschland und ähnlichen Institutionen, die ein ähnliches Verständnis des inneren Zusammenhangs zwischen Gemeinwohl und Gemeingüterbewirtschaftung teilen.


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