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Hänsel und Gretl oder wie ich lernte, den LOHAS zu lieben


Berlin (20.11.09): Es ist schon seltsam, was man da in jüngster Zeit geboten bekommt: Eine Publikation aus dem Bertelsmann Haus macht sich über die LOHAS her. Es ist aber eigentlich ein Märchen: Oder, wenn sich Hänsel und Gretl über die Existenz der Hexe streiten. Von Christian Neugebauer
Es mag einem schon verwundern, wenn in einem der größten Medienkonzerne über Konzerne geschimpft wird; aber nur auf den ersten Blick. Denn die vorgetragene Kritik kommt so leichtfüßig daher, dass man sie von den Kritisierten - einem Phantasiegebilde aus den Marketingabteilungen des Landes namens LOHAS - kaum mehr zu differenzieren mag.

Und so macht diese "Hurrah, ich bin ein Anti-Globalisierungs-Star"-Kritik (sh. > bit.ly/OCTOn ) wieder Sinn und stellt nur die berühmte zweite Seiten von ein- und derselben Münze dar und dies durchaus im wahrsten Sinn des Wortes gemeint.

Hauptargument ist, dass man sich mit den bösen - sprich diversen, angeblichen Hexen - Konzernen einlässt. So wird eine Luxus-NGO für den LOHAS-Genuss der Münchner Gesellschaft als Paradigma pars pro toto aufgerufen, die sich beispielsweise mit Henkel als strategischen Partner einlässt und daher böse sei, so die These.

Dies wird nun von einer Autorin kritisiert, die sich mit einem Medienkonzern einlässt, Bertelsmann, und besagte Luxus-NGO verdammt, weil sie sich mit einem Konzern eingelassen hat, was Greenwashing sei, so die Autorin.

Vor der Folie des eigenen Anspruchs kann man da wohl sagen, auf die Schnauze gefallen. Und zwar gleich zweimal: Einmal, weil der eigene implizite Anspruch nicht durchgehalten worden ist und zweitens, weil man doch ein richtig (sic!) und falsch (sic!) annimmt, welches die Autorin aber in `instrumentalisierter Abrede` stellt, indem sie Adorno paraphrasierend zitiert ohne zu erkennen, dass sie sich in das eigene Schwert ihrer Kritik gestürzt hat.

Dazu ein kleiner Exkurs: Als intellektuelles Unterfutter zitiert besagte Autorin hinweisend Adorno - "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." - aus der Minima Moralia, um ihn unterstützend im Sinne einer Immunisierungsstrategie zu bemühen, was einmal mehr Hinweis ist, dass Adorno mit seinen berühmten Schachtelsätzen und dem eigentlich zwei Seiten umfassenden Aphorismus in der Minima, der zu diesem Satz ("Es gibt....") schlussfolgernd führt, nicht gelesen zu haben scheint, aber doch zumindest vor dem Hintergrund der "Dialektik der Aufklärung" nicht verstanden haben dürfte, wenn dem LOHAS, jenem Phantasiegebilde aus den Marketingabteilungen, die Paraphrase entgegengeschleudert wird "Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem.", denn da kann man der Autorin ebenso - vor dem Hintergrund ihrer Diskursfolie richtig, aber eben falsch, weil Diskurs - entgegenschleudern: "Es gibt kein richtiges Publizieren im falschen Mediensystem."

In dem von ihr verkürzt vorgetragenen Verständnis würde sie möglicherweise mit Wittgenstein antworten wollen, was dann überhaupt ein argumentatives Fiasko wäre. Der Weg aus dem Märchen führt nur über das Zuklappen des Buchs.

Dazu mag man den Philosophen Martin Seel zitieren: "Er liefe auf die Ausrede hinaus, da die Möglichkeit richtigen Lebens nun einmal verstellt sei, sei es ganz gleichgültig, wie man sein Leben gestalte. Adorno aber meint das Gegenteil. Anstatt sie aufzuheben, bekräftigt er die Differenz von richtig und falsch."

Ja, genau, und die Autorin ist hier in das eigene Schwert gefallen, denn sie hat Adorno missverstandener Weise als Zeuge ihrer "moralischen", eigentlich ethischen, Überlegenheit auf Grund des - fälschlich angenommenen - Nicht-Möglich-Seins des Handelns aufgerufen. Sie ist so fester Teil der von ihr kritisierten "Moralwirtschaft" wie sie diese abwertend bezeichnet, was ihr grundlegenden Irrtum und auch Nichtwissen noch einmal mehr unterstreicht, da keine Wirtschaft ohne Moral funktioniert, vorausgesetzt man weiss zu differenzieren zwischen Moral und Ethik. Aber es drängt sich der Verdacht auf, dass die Autorin Moral und Ethik gleichsetzt, denn erst wenn man von "Ethikwirtschaft" spricht, kann ihr Befund Sinn machen. Aber das ist ein anderes Thema und ich möchte es mit diesem Hinweis bewenden lassen.

In Schlussfolgerung sei Adorno aus der Minima Moralia zitiert: "Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik."

Der Titel ist so ungewollt getroffen, denn die Märchenstunde neigt sich tatsächlich dem Ende zu, aber das Buch ist Teil des Märchens, wo sich Hänsel und Gretl streiten, ob es denn die Hexe wirklich gibt. Ein Streit in einem Märchen.

Wie jedes Märchen hat es das eine oder andere Korn Wahrheit in sich, das man aber nur gegen den Strich des Märchens heben kann. Und dafür findet man bei Adorno hervorragende Anregungen, Werkzeuge, Begriffe und Argumentationsfiguren, worin das Verdienst dieser Märchenstunde liegt.

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