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Haiti braucht einen Masterplan


München (23.6.10): Die modernen Medien sind in ihrer Vielfalt und in ihrer globalen Berichterstattung eine Verlängerung unserer eigenen Sinne, die wir nicht mehr missen wollen. Von Dr. Wilfried Vyslozil
TV und Internet sind unser Fenster zur Welt, und Fernsehkameras werden dadurch zur Erweiterung unserer Augen. Aber diese positiven Eigenschaften moderner Medien haben auch ihre Schattenseiten: Dort wo die TV-Kameras nicht sind, sehen wir nichts mehr, denn wir haben sehr oft schon verlernt, unseren Blick selbständig auch auf die anderen wichtigen Entwicklungen dieser Welt zu richten.

Regelmäßig merken wir bei den SOS-Kinderdörfern, wie diese Eigenschaften der modernen Medien auch in Katastrophengebieten ihre Wirkung entfalten. In Haiti ist es nach dem Erdbeben vom 12. Januar nicht anders. Das riesige Medieninteresse ist längst abgeklungen und damit auch das Interesse der Spender.

Zumal es nach der Geberkonferenz am 31. März in New York fast so aussieht, als würde es in den kommenden Jahren Geld regnen über Haiti. 5,3 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau hat die internationale Gemeinschaft für die kommenden zwei Jahre versprochen. In den folgenden Jahren soll diese Summe auf 9,9 Milliarden US-Dollar steigen. Zusammen mit den Hilfsleistungen nichtstaatlicher Organisationen können mehr als die 11,5 Milliarden US-Dollar zusammenkommen, die Experten für den Aufbau eines einigermaßen funktionierenden Gemeinwesens in Haiti für nötig erachten.

Trotzdem ist es noch nicht Zeit für Entwarnung. Die Arbeit der SOS-Kinderdörfer fängt jetzt erst richtig an. Noch immer leben Hunderttausende unter simplen Stoffplanen. Zehntausende von Kindern sind von ihren Familien getrennt. Die Lebensmittelpreise sind explodiert und für einen Großteil der Bevölkerung unerschwinglich. Die Armen – das sind 80 Prozent der Haitianer – werden noch viele Monate lang von Lebensmittelrationen der Hilfsorganisationen abhängig sein.

Und bei aller Freude über die Großzügigkeit der internationalen Gemeinschaft darf nicht vergessen werden, dass versprochenes Geld noch lange nicht ausbezahlt ist. Das lehrt der Blick auf frühere Hilfszusagen für Haiti. Die beeindruckenden Summen wurden in Wirklichkeit nie in vollem Umfang ausgeschüttet.

Ein nachhaltiger Wiederaufbau kann nur gelingen, wenn die Haitianer nicht nur als Opfer gesehen werden, sondern selbst Verantwortung übernehmen. Die Bevölkerung und vor allem Kinder und Jugendliche müssen in den Wiederaufbau miteinbezogen werden. Nur wenn deren Bedürfnisse nach Bildung, Gesundheit und Kultur ernst genommen werden, ist ein Ausbruch aus dem elenden Kreislauf der Armut möglich.

So könnte es gehen: Haiti braucht zum einen einen Masterplan, in dem die Hilfe koordiniert und die Beiträge von Ländern und Organisationen aufeinander abgestimmt werden. Und Haiti braucht zum zweiten dringend lokale Strukturen zur Selbsthilfe. Das ist nichts Spektakuläres und kostet auch keine Milliarden. Ich stelle mir vor, dass man das zerstörte Port-au-Prince in 25 oder 30 Zonen aufteilen und in jeder dieser Zonen ein kleines Gemeindezentrum errichten könnte.

Einen Freiraum für Bildung und Kultur, in dem die Nachbarn ihre eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen entdecken und entwickeln können. Ich bin sicher: In solchen Zentren werden die Menschen zu sich selbst finden, zu ihrer eigenen Würde und Stärke. Um diese Zentren herum werden sich Selbsthilfegruppen bilden und Nachbarschaftskreise.

Dass all dies in dem notwendigen Umfang möglich ist, sichert die Unterstützung der Spender. Auch derjenigen, die abseits der großen medialen Berichterstattung spenden. Den Spendern sind die Menschen in Haiti unglaublich dankbar, aber leider sind jetzt keine TV-Kameras mehr vor Ort, die diesen Dank in die Wohnzimmer der Spender in der ganzen Welt transportieren könnten.

Autorennotiz: Dr. Wilfried Vyslozil war von 1993 bis 2007 leitete die Geschäfte von SOS-Kinderdorf in Österreich, seit 2008 ist er als Geschäftsführer für den Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland e. V., SOS-Kinderdörfer weltweit verantwortlich.


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