Anzeige
Montag, 22. März 2010 - Eine andere Information ist möglich!
KOMMENTARE

Thilo Bode, Geschäftsführer foodwatch e.V.

 

Katalog der Nullmaßnahmen


Berlin (11.11.09): Was bringt Schwarz-Gelb in der Verbraucherpolitik? Nach einer Analyse des Koalitionsvertrags von Union und FDP kommt man zu einem ernüchternden Fazit: Mal ist gar kein Konzept zu erkennen, mal kündigt die Regierung Regelungen an, die es schon lange gibt oder über die sie aus europarechtlichen Gründen gar nicht entscheiden kann. Von Dr. Thilo Bode, Geschäftsführer von foodwatch e.V.

Das Verbraucherinformationsgetz solle reformiert werden, stellen Union und FDP richtig fest – doch in welche Richtung, sagen sie nicht. Soll endlich mehr Transparenz für die Verbraucher geschaffen werden? Oder sollen die Unternehmen bloß nicht mit lästigen Auskunftspflichten belangt werden? Ein schwarz-gelbes Konzept ist nicht zu erahnen.

 

Schöne Worte und Selbstverständlichkeiten

 

Auch andere Sätze im Koalitionsvertrag sind nichtssagend und folgenlos: Auf Lebensmittelverpackungen dürfe "nur drauf stehen, was drin ist“. Klingt gut, ist bei genauerem Überlegen aber die pure Selbstverständlichkeit und längst in Gesetzen geregelt. Außerdem wäre es ja noch schöner, wenn auf den Packungen plötzlich drauf stehen dürfte, was nicht drin ist. An anderen Stellen wiederum verspricht das schwarz-gelbe Bündnis wie selbstverständlich Regelungen – wie eine bessere Kennzeichnung von Lebensmittelimitaten – die die Bundesregierung gar nicht selbst erlassen, sondern allenfalls auf EU-Ebene anstoßen kann.

 

Das ernüchternde Fazit von foodwatch: Viele Aussagen der Koalition zum Verbraucherschutz im Lebensmittelbereich sind entweder völlig nebulös und unklar (Verbraucherinformationsgesetz), bereits beschlossen (wie die Einfärbung von Schlachtabfällen) oder liegen nicht unmittelbar im Zuständigkeitsbereich der Bundesregierung (Lebensmittelkennzeichnung, Ernährungsbildung).

 

Verbraucher als Lebensmitteldetektive

 

Das dem Koalitionsvertrag zugrunde liegende Verbraucherleitbild entspricht im Detail dem der Ernährungsindustrie: Durch Bildungs- und Informationsarbeit sowie ein verbessertes Problembewusstsein der Hersteller und Verbraucher sollen Verbrauchertäuschung und Gesundheitsrisiken verringert werden; nicht durch Gesetze und Marktinterventionen. Durch "Ernährungsbildung" werden Verbraucher zu Lebensmitteldetektiven. Wer den Gelschinken nicht vom echten unterscheiden kann, ist selbst Schuld.

 

Die im Zuge der Gammelfleischskandale zutage getretenen, schwerwiegenden Mängel der Lebensmittelüberwachung ignoriert die Koalition. Statt dringend nötiger Entflechtung von amtlichen Kontrolleuren und wirtschaftlichen Interessen kündigt die Koalition an, die staatlichen Kontrollaufgaben mit den betriebseigenen Maßnahmen der Ernährungswirtschaft zu "verzahnen". Die staatliche Aufgabe des Schutzes der Verbraucher vor gesundheitlichen Gefahren und vor Täuschung und Irreführung wird so – zumindest im Lebensmittelbereich – mit Floskeln wie "Entbürokratisierung" oder "mündigen Verbrauchern" ad absurdum geführt.

 

Koalition ebnet Agrargentechnik den Weg

 

Verbraucherrechte werden nicht als Bürgerrechte, sondern als Bildungsauftrag verstanden, die Verantwortung für Missstände dem Einzelnen und dessen angeblich unzureichenden Kenntnissen zugeschrieben. In der Landwirtschaft wird für die Fortführung des umweltschädlichen, verbraucherfeindlichen und für die Dritte Welt nachteiligen europäischen Landwirtschaftsmodells auf Kosten der Steuerzahler plädiert. Und statt auf moderne Ansätze molekulargenetisch unterstützter Pflanzenzüchtung zu setzen, wird gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung der völlig veralteten Agrargentechnik der Weg geebnet – von der Zulassung über die erlaubte Verschmutzung mit illegalen gentechnisch veränderten Sorten bis hin zum erleichterten Anbau nach den Wünschen der Gentechnikindustrie.

 

Handlungsmöglichkeiten werden vorgetäuscht

 

Die Koalition täuscht die Verbraucher, indem sie ihren europarechtlichen Spielraum verschleiert. Dort, wo sie handeln will, verschweigt sie die notwenige Zustimmung der anderen EU-Mitgliedsstaaten. Wo sie nicht handeln will, schiebt sie vor, dass dies in Europa nicht möglich bzw. mehrheitsfähig sei. Ein Beispiel dafür ist auch die zukünftige Nährwertkennzeichnung. Die Ampelkennzeichnung solle nicht kommen, verlautete schon in den ersten Tagen aus den Koalitionsverhandlungen. Doch: Die Entscheidung darüber fällt frühestens im Mai 2010 – und zwar in Brüssel, nicht in Berlin.




<< Zurück

Kommentar


NUR für registrierte UserInnen - Jetzt kostenfrei registrieren
Es wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar schreiben (Tragen Sie Ihr Kommentar in das Feld ein)
 


>Europa 2020: Weg in die Nachhaltigkeit?
>Das gewonnene Jahrzehnt
>Rückt Europa nach rechts?
>Athen muss Anstrengungen fortsetzen
>Plädoyer für einen European Sustainability Fonds
>Der Eid – Wie die Managementklasse versucht, sich zu retten
>Über die Dekadenz
>Bankensteuer, aber richtig
>Brauchen wir eine neue Elite?
>Die Dekadenz der Wirtschaftsliberalen
>Dresden: Ein Triumph der Bürgergesellschaft
>Schönfärberei bei Agrarsubventionen
>Wo ist das Geld geblieben?
>Nachhaltigkeit: Die soziale Dimension und Menschenrechte
>Ein Manifest der Menschenrechte
>"Blonde Frauen" als Dummchen in der CSR-Kommunikation?!
>Die Medien in der Krise
>Aufschwung braucht Hilfe
>Skandal: Menschenrechtspreispreis für AMS-Zwangsmaßnahme
>Russland vergiftet den Brunnen der Welt
>Armut und nicht Arme bekämpfen
>Exklusiv-Interview: Gottwald über Social Business&CSR
>Über den Messias-Wahn
>Nachhaltig konsumieren im Dschungel der Reizüberflutung
>Werden Unternehmen zu NGOs und NGOs zu Unternehmen?
>Über das verlorene Vertrauen
>Greenwashing – Stark im Kommen
>Blick nach vorne
>Nachhaltigkeitswende braucht selbstbewusste Parlamentarier
>Zu holzschnittartig
>Das Ende der Untertanen?
>Nachlese zu UTOPIA ChangeMaker Kongress
>Statement von Nikolaus von Bomhard (Munich Re) zu Kopenhagen
>Kopenhagen ist gescheitert
>Was in Kopenhagen nicht auf der Agenda stand
>Was hat Hochschulpolitik mit Obdachlosigkeit zu tun?
>„Generating the Link“ – Unternehmensverantwortung als Erfolg
>Neutrale Wissenschaft und „Klimatgate“
>Banken müssen umdenken
>Österreich: Datenschutznovelle ist Murks
>Klima und grünes Geschäft
>Utopia: Beichtstuhl 3.0
>Ökozid am „Dritten Pol“
>ChangeMaker Manifest: Vorwärts in die Vergangenheit
>Finanzmarktregulierung ist bisher nur ein Lippenbekenntnis
>Finanzmärkte: Keine Entwarnung nach dem Flächenbrand
>McDonald´s: Ohne Worte
>Innenansichten der Bildungsstreiks aus der FU Berlin
>Hänsel und Gretl oder wie ich lernte, den LOHAS zu lieben
>Wat denn, Vattenfall, geht´s noch?
Anzeige