In Berlin war Sponsorentreffen des allumfassenden Umbaus der Weltwirtschaft. "Location: Radialsystem v, Holzmarktstraße", hieß es in der Einladung zu der Veranstaltung, die es in sich hatte. Die "Changemaker" wollten sich dort treffen, um das große "Changemaker-Manifest" zu unterschreiben. Rund 300 "First mover" waren da unter sich, die ihre "Roadmap" für den "Giant Leap for Mankind" ausarbeiteten, der dieses Mal nicht auf dem Mond stattfinden sollte, sondern hier auf Erden.
Den Besucher, der unvermittelt in die Vorträge geplatzt wäre, hätte wohl zunächst das Gefühl beschlichen, der Veranstaltung einer Sekte beizuwohnen. Nicht nur aufgrund des eigentümlichen Sprachcodes, der alles bisher übliche "Denglisch" in den Schatten stellte; mehr noch, weil über weite Strecken eine lautstarke, geradezu frenetische Einigkeit demonstriert wurde, selbst wenn vorne nur kleine Werbefilmchen präsentiert wurden von Einmann-Unternehmen, die sich der "Sustainability" verschrieben haben - eine Einigkeit, die zwischendurch sogar dem Moderator zu weit ging.
Dabei handelte es sich im Grunde um eine eher profane Veranstaltung, ein Treffen auch von durchaus namhaften Unternehmen des Landes, von Steigenberger-Hotels über "Bionade", der Deutschen Bahn, Weleda, Energieversorgern und anderen, die gern ihr grünes Image "kommunizieren".
Ein Event, das andeutete, warum so viele Unternehmer, zumindest hierzulande, geradezu vernarrt sind in den Klimawandel. Die aufkommende Katastrophe als Chance, sie setzt den Change, sie ist der wahre Changemaker und macht derzeit gemeinsam mit dem Money the World go round. Wenn es ihn nicht gäbe, den Klimawandel, man müsste ihn erfinden, so schien allenthalben die Devise zu lauten.
Geladen hatte das Internetportal "Utopia", das sich als eine Art grüne Verbraucherberatung für den ökologischen - in diesen so erhitzten Tagen ja vor allem klimafreundlichen - Konsum versteht. Doch Claudia Langer, die für viel Geld ihre exzellent laufende Werbeagentur verkaufte und damit im Jahre 2007 Utopia gründete, will mehr. "Networking", so lautet ihre Strategie, mit dem die wohlhabende Münchnerin sich ihr Amt als Jeanne d'Arc einer neuen Grünen Deutschland AG ansteuert.
Dafür sind Gastredner geladen, die reklamieren, man müsse endlich Mut zum Unpopulären aufbringen - vor Vertretern eines Wirtschaftssektors, der im Glanze des Weltunterganges, jenern lukrativen Hintergrundfolie, populärer nicht sein könnte. Dafür darf der Sozialpsychologe Harald Welzer das Wirtschaftswachstum als infantiles Ziel geißeln, wie er es immer macht - und die Schar der Unternehmer, die durch grünes Marketing auch und gerade in Zeichen der Krise Wachstumsrekorde einfahren, zeigt sich begeistert.
Auch die ständig wachsende Zielgruppe, um die es hier geht, die "Lohas" (Lifestyle of health and sustainability), ist schließlich skeptisch gegenüber dem Wirtschaftswachstum, und gehört doch zu den wenigen, die dasselbe in Krisenzeiten aufrechterhalten - und daran ganz offensichtlich auch festhalten wollen. Aber es klingt ja so schön.
Ob dabei die grüne Philosophie im Einzelnen zielführend ist, blieb nachrangig. Etwa wenn Bionade-Geschäftsführer Peter Kowalsky in einem ausführlichen Film darstellte, wie er durch Deutschland tingelt, um allerorten ausgerechnet gemeinsam mit Schulklassen Laubbäume pflanzt. Damit will er das Grundwasser pflegen, das er für seine Trinkprodukte nutzt. Leidet Deutschland unter Wasserarmut?
Könnten wir den Menschen, die andernorts auf der Welt unter Dürre leiden, einen Gefallen tun, wenn wir unseren im Überfluss ergiebigen Wasserkreislauf ein wenig verlangsamen? Macht nichts. Den Vorhalt, dass da andere Motive eine Rolle spielen, räumte der König der Getränke für die Kinder der Yuppies schon mal vorsorglich aus: Man veranstalte das übrigens nicht dort, sagte er, wo vielleicht der beste Markt sei, sondern wo die Bäume hin gehörten. Das Steigenberger-Hotel bietet in einem Flyer nachhaltige Tagungsräume an, wobei nicht ganz klar wird, womit sie sich dieses Prädikat verleihen - abgesehen von dem Hinweis auf die Möglichkeit, bei "greenmiles" Buße einzuzahlen für den Sündenfall der Anreise.
Ein wenig Wasser in den edlen Wein wollte ganz offenbar eine Professorin für Konsumverhalten gießen, wollte wohl irgendwie andeuten, dass der Verbraucher lieber billig als nachhaltig einkauft, und dass die Marketing-Experten der grünen Szene da noch vor Herausforderungen stehen.
Doch ihre Botschaft kam vollends unter die Räder wegen ihrer offenkundigen Sprachprobleme, wegen bis zu drei, vier Sprüngen pro Satz zwischen Englisch und Deutsch. Da half es wenig, dass sie hin und wieder so einen Sprung auch noch ankündigte: "...auf behaviour-economic-deutsch sagt man dazu: Architektur der Wahl". Aha. Macht wieder nichts, dachte vielleicht mancher, war die Rednerin vom Moderator doch als "Popstar" der Szene angekündigt worden. In der Location Radialsystem kam es eben ganz stark auf das feeling an.
Bevor aber das Auditorium in ihren Gefühlen versank, kam dann doch noch richtige Stimmung auf. Heftiger Zoff in der Branche der Erneuerbaren Energien. Kleine, feine, dezentrale Kraftwerke, oder doch auch mal der Big Deal, das zentrale Projekt Wüstenstrom, "Desertec".
Holger Mayer, Vorstand des Ökostromanbieters Entega, warf dem Vertreter von Greenpeace-Energy vor, sich durch die Mitarbeit bei Desertec, mit den Großkonzernen "ins Bett zu legen, weil ihr selbst nichts gebacken kriegt mit euren paar Anlagen, die ihr baut". Da verschlug es dem Vertreter der "Rainbow Warrior" fast die Sprache, draußen, im Speakers Corner unterhielt man sich weiter, und da war dann alles wieder easy.
Gut, das dann am Nachmittag Rainer Grießhammer, Urgestein der Umweltbewegung und -forschung vom Ökoinstitut Freiburg, ans Rednerpult trat, und einfach mal ein paar Tipps gab für den umweltgerechten Einkauf, durchgehend in deutscher Sprache übrigens. Mit einer Ausnahme, die sich allerdings anbot, um den Wandel in der Ökobewegung hin zum positiven Denken zu skizzieren. Auf gezielten "Buykott statt Boykott" komme es heute an. Ob alle Ratschläge Grießhammers gut sind fürs grüne Gefühl, muss jeder für sich entscheiden. Er schlug dann doch allen Ernstes vor, jeder Mensch möge doch ab sofort, wenn er abends eingeladen sei, keine Blumen mitbringen. Sondern: eine Energiesparlampe.
Ob der allseits herbei geredete Change mit solchen Aktionen dann aber wirklich noch sexy ist, wird sich zeigen.
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Samstag, 11. Feber 2012 - Eine andere Information ist möglich!



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