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KOMMENTARE

Über den Messias-Wahn


Berlin (9.10.09): US-Präsident hat den Friedensnobelpreis bekommen. Kommentatoren von rechts und links sind gleichermaßen empört. Von Christian Neugebauer
Die Kommentatorenwelt von rechts und links ist sich einig. Obama habe den Friedensnobelpreis nicht verdient. Der gemeinsame Vorwurf lautet - untersetzt mit dem jeweiligen Zungenschlag der bemühten Klischees, die da reichen von Bilderbuch-Verschwörung bis hin zum militärisch-industriellen Komplex, der die Welt mal wieder an der Nase herumgeführt hat - Obama habe noch keine Wunder vollbracht.

Ehrlich, nicht wahr, ja stimmt: Obama ist kein Messias ist und hat keine Wunder noch vollbracht. Beides hat er nie behauptet noch angekündigt. Dieses Bild haben ihm rechte wie linke Kommentatoren mal schnell umgehängt. Ist halt wegen der bequemeren Argumentation, macht die Welt einfacher und eine knackige Verschwörungstheorie bringt auch Quote wie legitimiert sie einem wieder als so richtig tierischer Bescheidwisser. Ach, zu pauschal der Vorwurf, zu verschwörerisch...schon unangenehm, nicht?

Und gerade die schreibende Zunft sollte über die Macht der Worte wissen, wenn da manche meinen, er habe bisher nur große, schöne Worte geführt: Worte sind stets der Anfang; aggressive Worte können eher und leichter zu einem Krieg führen wie kluge Worte eher den Frieden befördern.

Aber zurück zur großen Geschichte: Wie enttäuschend! Man habe es ja schon immer gewuß!. Der Mann bringt es nicht! So der verkürzte Dreischritt der scheinbaren Argumentation, auf der dann der Rest der jeweils ideologisch eingefärbten Argumentation dann fulminant abhebt.

Jene Kommentatoren sitzen so elegant aber doch dümmlich ihrer eigenen Rhetorik auf. Denn ja, Obama wird und kann keine Wunder vollbringen, er wird nicht über Wasser wandeln noch Wasser in Wein verwandeln. Und das ist gut so.

Das ist der Vorwurf linker wie rechter Kommentatoren, die dann prächtigst diesen eigens gebauten Pappkameraden zerlegen.

Beiden Richtungen passt Obama nicht wirklich in den ideologischen Kram, da er den Bürger wieder ermächtigen will. Damit haben sowohl Rechte wie Linke ein Problem. Und er hat Visionen und ein klares Ziel, welche sich nicht wirklich in die alten Freund-Feind Schemen einordnen lassen wollen. Und es ist auch unbequem und anstrengend zu erklären, was da so passiert: Dialog mit der islamischen Welt, atomwaffenfreie Welt, Rücknahme des Raketenschilds bis hin zur Rückkehr der USA an der Verhandlungstisch in Sachen Klima und dann noch gut aussehend und ein Schwarzer aus kleinen Verhältnissen. Wie jetzt? Wo sind da die geheimen, bösen Möchte, die da alles steuern?

Obama präsentiert wie kein anderer den Dritten Weg und den Wunsch der überwiegenden Mehrheit nach Aussöhnung, Dialog und Heilung der Welt von ihren schwärenden Wunden, die da sind Armut und Naturzerstörung. Und er ist in seinen Ankündigungen der Absichten und Visionen glaubwürdig. Etwas, was durch die Bank fast allen Politikern fehlt. Und das stört auch jene Kommentatoren, denn was will man groß sagen, wenn jemand glaubwürdig versucht etwas zum Positiven zu ändern und einfach damit scheitert?

Ja, und Obama wird mit dem einem oder anderen scheitern, keine Frage, und ja, er wird Kompromisse machen, wo dann rechte und linke Lehnstuhlkommentatoren aus bequemer Komfortzonenperspektive wieder einmal ganz, ganz genau wissen, wie die Welt funktioniert und was da alles wirklich und tatsächlich dahinter steckt: Die große Verschwörung.

Die Zeit für eine Bilanz ist sicher zu früh, aber der Nobelpreis wird Obama vielleicht dabei helfen, dass seine Bilanz besser ausfällt. Der Friedensnobelpreis ist kein Gütesiegel oder TÜV für erfolgreiche Arbeit und Umsetzung, sondern für glaubwürdiges Streben nach mehr Friede, Demokratie und für Menschenrechte.

Darin - hilfreiches Symbol und moralische Unterstützung zu setzen - liegt der wesentliche Sinn und die entscheidende Absicht des norwegischen Komitees und der Vergabe seines Preises; schon immer und eben auch heute: Positive Tendenzen symbolisch zu verstärken. Mehr kann man von einem Preis nicht verlangen.

Hier sei an den Friedensnobelpreis an Willy Brandt erinnert, wo er ihn schon bekommen hat wie er erst begonnen hatte, seine bahnbrechende Ostpolitik anzusteuern und die reale Umsetzung mehr als ungewiss erschien. Auch sie war ein Versprechen, eine Vision, eine Ankündigung einer Anstrengung in die richtige Richtung. Oder es sei an Carl von Ossietzky, deutscher Widerstandskämpfer gegen Hitler und Herausgeber der Zeitung "Die Weltbühne", erinnert, der den Friedensnobelpreis 1935/36 ebenfalls erhielt. Er hat den Nationalsozialismus und Hitler nicht zu Fall gebracht, gewiss nicht, aber er gab moralisches Vorbild und Kraft, die globale Anerkennung durch den Friedensnobelpreis fanden, und vielleicht manchen in dunkler, bitterer Stunde geholfen haben zu überleben und seine Würde zu bewahren. Und wenn nur dies bliebe, so war der Preis für ihn gerecht, richtig und bedeutsam. Und schließlich die große Vision von Bertha von Suttner "Die Waffen nieder". Ist diese Vision heute erreicht. Nein. Aber ist sie deswegen falsch? Ginge es nach der Messlatte jener Kommentatoren, Suttner und Ossietzky wäre glatt der Friedensnobelpreis rückwirkend abzuerkennen.

Obama wurde in diese große Tradition und Verpflichtung gesetzt und er scheint sich dieser historischen Dimension bewußt zu sein, wie die anfänglichen sprachlosen ersten Reaktionen zeigen. Allmachtsphantasien und die zwingend folgende Enttäuschung darüber, dass diese nicht existieren, sind Ausdruck naiver Vorstellungen.

Und es spricht alles für ihn, wenn er in seiner ersten Stellungnahme sagt, er sehe den Preis nicht als Verdienst für Erreichtes, sondern als Ansporn für noch zu Erreichendes: "Ich bin überrascht und zutiefst demütig". Das sind die richtigen Worte.


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