Westerwelles mittlerweile bekannter Kalauer, wonach Hartz IV Bezieher in altrömischer Dekadenz leben, will Anleihe nehmen bei Montesquieus geschichtsphilosophischer Abhandlung „Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur decadence” (1734). Unwissend fällt Westerwelle selbst in die Grube, die er anderen graben wollte, denn er weiß offensichtlich nicht, von was er spricht und dürfte einer Privatsprache frönen.
Montesquieu sieht als Ursache für besagte altrömische Dekadenz, die Überdehnung des Römischen Reiches, welche den esprit géneal untergrabe und damit Partikularinteressen befördere, die frei nach dem Faustrecht durchgesetzt werden. Sprich, wer Macht hat, setzt seine Partikularinteressen durch.
Ein Blick auf die aktuelle Steuerpolitik der FDP bestätigt diesen Eindruck: Hoteliers geben Spenden, Hoteliers erhalten die Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf 7%, wobei diese von Anfang klar gemacht haben, dies nicht an den Kunden weiterzugeben. Mehr noch, eine einfache arithmetische Aufgabe zeigt, dass es für alle anderen Unternehmen eine Verteuerung bedeutet, da nur mehr 7% und nicht mehr 19% Mehrwertsteuer in Gegenrechnung kommen. Damit wird es netto teurer. Damit wäre die FDP dekadent; dies hat Westerwelle wohl nicht gemeint.
Aber vielleicht hat Westerwelle nicht Montesquieu im Sinn gehabt. Schauen wir zu einem anderen Philosophen: Rousseau. Er sah in der Kultur, in der Zivilisation die Dekadenz im Gegensatz zur Natur. Der Naturzustand des Menschen sei durch Harmonie und der Kulturzustand des Menschen durch Dekadenz gekennzeichnet. Auch dies konnte Westerwelle offensichtlich nicht gemeint haben. Auch hier wäre die FDP per se dekadent.
Vielleicht war Nietzsche gemeint. Er sah im Christentum den Ausdruck der Dekadenz ausgestattet mit kränklichen Werten, wie Nietzsche ausführt. Es gehe darum die Sklavenmoral des Christentums abzuschütteln. Auch hier, schwer für die FDP zu meinen, wo sie doch in einer Koalition mit der CDU, wo C für christlich steht, befindet. Auch dies kann Westerwelle offensichtlich nicht gemeint haben, wo doch Westerwelle selbst bekennender evangelischer Christ ist, also nach Nietzsche dekadent.
Schließlich Arnold Gehlen, der die Dekadenz als überbordenden Subjektivismus und Ichzentrierung beschreibt, die den Kontakt zur Geschichte verloren habe und der Staat für partikulare Interessen funktionalisiert werde. Als Parteichef kann und mag Westerwelle wohl diesen Dekadenzbegriff nicht gemeint haben, denn der Dekadenzbegriff Gehlens träfe ihm per se.
Den Dekadenzbegriff von Lenin soll nicht gegenüber Westerwelle vermessen werden, denn dies wird er wohl sicher nicht im Sinne gehabt haben, wiewohl sich hier die größte Nähe ausmachen lässt. Lenin kritisiert die bürgerliche Gesellschaft als dekadent und sei Ausdruck ihres Verfalls. Nichtsnützige werden gefördert. Die Rettung liege in der Bekämpfung der Dekadenz mit den Mitteln und Wegen des sozialistischen Realismus. Westerwelle wird wohl auch dies nicht gemeint haben.
Man kann noch weiter so durch die Begriffsgeschichte wandern, um immer wieder festzustellen, dass Westerwelle dies für seine Partei nicht gemeint haben kann. Darum bleibt nur ein Schluss zulässig: Westerwelle weiß nicht, von was er spricht. Ob das dekadent ist, steht auf einem anderen Papier. Mit Hartz IV und Armut hat Dekadenz jedenfalls nichts zu tun, denn keiner der angeführten Philosophen sieht in der Armut einen Ausdruck der Dekadenz.







