Bisher habe ich es allerdings nicht fertig gebracht, mein Profil zu vervollständigen. Warum? Wahrscheinlich lag es an dem Gefühl , dass ich erst mal Buße tun muss, damit ich einer von "ihnen" werden und mich Utopist nennen darf.
Im Profil soll ich auf sechs standardisierte Fragen Antwort geben: 1." Ich bin Utopist weil...", 2. "Bei mir hat es Klick gemacht...", 3. "Ich verzichte gerne auf...", 4. "Ich werde immer schwach bei...", 5. "Ich wünschte, es gäbe..." und 6. "Ich brauche täglich..."
Ich war nie ein Kirchengänger, aber so stelle ich mir die moderne katholische Kirche vor! Klick, rein in den Beichtstuhl; Klick, raus und in aller Seelenruhe shoppen gehen. Aber nur das "Richtige": Denn auch Utopia sagt: "Kaufen Sie nur, aber das Richtige!" Da bietet sich doch die Utopia-Kreditkarte an, mit der ich in den Utopia-Partnershops gleich auf meine Kosten komme. Das nennt Utopia dann "strategisch konsumieren".
Hätte ich erst mal mein Erweckungsszenario ("Klick", "Klick"), meine Sünden ("Schwachwerden") und meinen ersten Versuch ins neue Leben ("Verzicht") geschildert, bekäme ich bestimmt mehr Aktivitätspunkte. Denn je mehr sich ein Utopist in Foren, Kommentaren etc. einbringt, desto mehr Punkte sind zu verdienen. Punkte kann man sich nicht auszahlen lassen - noch nicht. Aber schließlich ist das was zählt das "Richtige " zu tun; und vor allem zu kaufen.
Darf man den Angaben im Profil einer Utopistin mit 4211 Punkten glauben schenken (ich habe 44), verspricht Utopia eine "bessere Welt" und "Hoffnung". Dieser Blick und ein Dutzend andere Profile bestärken meine Vermutung, dass ich mich hier hin verirrt habe. Da ist mehrmals vom missionarischen Wunsch die Rede "eine Möglichkeit [zu bekommen] den vielen Unwissenden dieser Erde die Augen zu öffnen."
An anderer Stelle in einem Online-Kommentar heißt zum eigenen Selbstverständnis der Utopisten: "Wir lassen andere nicht in Frieden (das falsche zu tun)." "Das geht ja gar nicht...", denke ich. Vor meinem geistigen Auge breitet sich unweigerlich das Bild eines lächelnd-erleuchteten Zeugen Jehovas auf, der mir an der Straßenecke vor dem Einkaufszentrum einen Leuchtturm aufschwatzen will.
Das Begriff "Greenwashing" passt hier wie die Faust auf's Auge: Vielleicht sogar weniger auf sich präsentierende Unternehmen, sondern eher auf naive Grünchen, die sich mit demonstrativem Konsum - bei Utopia.de auch "ökokorrektes" Shopping genannt - selbst feiern, sich von den "Unwissenden" abgrenzen und ihr schlechtes Klimagewissen besänftigen.
Konsum auf LOHAS-Utopia-Bio-Art ist eine seltsame Mischung aus Verzicht, "Richtigem" Shoppen, Missionseifer und bewusster Abgrenzung. Die neuen grünen Lifestyle-Utopisten wollen anders als der Rest sein und fordern im gleichen Atemzug, dass es andere ihnen nachtun und ihre Verhaltens- und Konsummuster nachahmen sollen. Aber warum sollte man so sein wollen wie die LOHAS? Der Begründungsleitfaden ist in fast allen Fällen die herannahende Apokalypse des Klimawandels.
"Ich kann mich gut fühlen, weil ich klimaneutral lebe. Ich bin nicht Schuld an der Apokalypse, ich kaufe Bio! Ich bin gesünder, ich kaufe Bio! Ich bin einfach besser, ich kaufe Bio!" So oder ähnlich meinen es die Utopisten-LOHAS.
Und Utopia will Kasse mit dem grünen Gewissen machen: "Diese [Kredit]Karte ist ein Signal. Denn mit dieser Karte können Sie täglich die Idee des strategischen Konsums in die Welt hinaus tragen. Bekennen Sie sich im Alltag mit der Utopia-Kreditkarte zu den Käufern, die bewusst konsumieren (Zitat aus der Werbung für die hippe Utopia-Kreditkarte)."
Deswegen beginnt Bio mich zu nerven! Und das obwohl ich Ökostrom beziehe, mit Jutebeutel und Korb einkaufen gehe und mich fast ausschließlich von Nahrung aus dem Bioladen und, wo es geht, Fair-Trade ernähre. Klar bin ich deswegen toll...
Was ich will? Kein Zurück zu "Öko 1.0", wie es ein Utopist so schön ausgedrückt hat. Nur ein bisschen weniger verblendete Naivität bitte! Und wenn das nicht geht, dann wenigstens weniger Missionseifer. Die Gefahr ist sonst groß, dass sich eigentlich sozial- und ökologisch eingestellte Menschen überlegen aus diesem bunten, glatten und mit-erhobenem-zeigefingerhaften Biomainstream auszubrechen und mal ganz "unökokorrekt" bei Lidl einzukaufen - was ja nicht passieren sollte.
Autorennotiz: Dipl.-Pol. Dorian Cantzen, arbeitet an seiner Doktorarbeit "Zur Politischen Theorie des Konsums" an der Universität Potsdam und publiziert unregelmäßig im Blog > www.politischer-konsum.de






