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Was hat Hochschulpolitik mit Obdachlosigkeit zu tun?


Berlin/Wien (16.12.09): Vor 54 Tage wurde das Audimax der Universität Wien besetzt und Europa folgt bis heute: 80 Universitäten sind europaweit besetzt. Die Kälte zieht ein in Europa und Obdachlose kommen in die Universität. Was hat Obdachlosigkeit mit Hochschulpolitik zu tun? Alles. Eine Antwort an Michael Völker (DER STANDARD). Von Christian Neugebauer

Michael Völker, Kommentator vom DER STANDARD, fragt sich, nachdem rund 40 Obdachlose im Audimax vor der Kälte in Wien Unterkunft fanden, warum denn die Studenten solidarisch seien mit den Obdachlosen, was dies mit Hochschulpolitik zu tun habe und führt aus, dass die "hehren Ansätze für eine bessere Bildungspolitik" nichts mit Obdachlosigkeit, ich möchte es Armut nennen, zu tun haben dürfen. Soziales Engagement gegen Armut sei schon in Ordnung, meint Völker, aber es dürfe nicht als Begründung für eine Besetzung herhalten und schließt mit dunklen Andeutungen über die "Verschwörung" einer Widerstands-Clique.

 

Völker irrt, denn Bildung und die Herstellung von Verhältnissen für Bildung haben alles mit Armut und soziale Not zu tun wie Wilhelm von Humboldt, auf welchen sich weite Teile des Studentenprotests berufen, ausgeführt hat. Völker scheint das Rad der Geschichte entweder in eine alte Standesdenke zurückdrehen oder einfach nur Apologet des gescheiterten Bologna-Prozess darstellen zu wollen. Egal wie nun interpretiert, Völker ist nicht einmal im Ansatz auf der Höhe geschweige denn findet sich auf den Grundlagen der Diskussion um Bildung. Er verkennt daher folgerichtig völlig den Charakter der Proteste in Europa, wofür Wien pars pro toto steht: Es geht um das Ganze, es geht um Grundsätze - Menschenrechte, Solidarität und soziale Verantwortung, sprich der bessere Teil Europas. Jenes Europa, für welches es lohnt einzustehen.

 

Sinngemäß schreibt Humboldt, dass Bildung als selbst bestimmter und aktiver Prozess der Entwicklung der Person ist auf die Freiheit der Person sowie auf Verhältnisse angewiesen, die Anregungen ermöglichen und von der größten Armut und Not befreit sind. Und genau um dieses Humboldtsche Bildungsideal geht es heute wieder und man vermag es als Echo in den den einfachen Sätzen einer Studentin aus Wien wiederfinden, die da sagt: "Es herrscht extreme Kälte in Wien. Wir können die Menschen nicht auf die Strasse setzen." Wir können die Menschen nicht auf die Strasse setzen! So einfach, so klar.

 

Es ist die tiefste und ganz im Sinne Humboldts eigentliche Begründung, was Hochschulpolitik und Bildung allgemein mit Armut zu schaffen haben, nämlich alles. Es geht um die größte Beseitigung von Not wie Humboldt schreibt.

 

Man mag nun an Humboldt den individualistischen Idealismus kritisieren, seine Ideen sind aber ideelle Grundlage von dem, was heute Bildung in Europa sein könnte und vielleicht einmal ansatzweise und für kurze Zeit war.

 

Aber verlassen wir Humboldt und rufen Wolfgang Klafki auf, der Humboldts Ansätze neu interpretierte. Er betrachtet die Denkansätze Humboldts kritisch fortsetzend und machte drei zentrale, strukturale Fähigkeiten der Bildung aus: Erstens, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung über eigene Beziehungen und Deutungen hinaus. Zweitens, Mitbestimmungsfähigkeit bei gemeinsamen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Und drittens, Solidaritätsfähigkeit bei der man nicht nur eigene Interessen verfolgt, sondern auch diejenigen berücksichtigt, deren Selbst- und Mitbestimmung beeinträchtigt ist.

 

In allen drei Punkten befindet sich der Studentenprotest so auf dem festen Boden europäischer Bildungstheoretiker: Wilhelm von Humboldt und in kritischer Fortsetzung von Humboldt Wolfgang Klafki.

 

Schließlich sei die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Erinnerung gerufen, die das Recht auf Bildung formuliert. Aber nicht nur das Recht auf den Bildung, denn die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sieht ALLE formulierten Menschenrechte als schlechthin unteilbar und unveräußerlich an. Das eine Recht sei nicht gegen das andere Recht auszuspielen, wie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht. Völker schlägt aber argumentativ vor, eben dies zu tun: Recht auf Obdach habe nichts mit dem Recht auf Bildung zu tun. Und der Journalist Völker sei erinnert woran er hier eigentlich rüttelt, wenn er meint, das europäische Bildungsideal verwerfen zu müssen. Er rüttelt damit an dem Fundament seiner eigenen Profession: Der Presse- und Meinungsfreiheit. Sie ist durch ALLE Menschenrechte geschützt, weil unteilbar und nur durch diese in ihrer Gesamtheit wirksam.

 

Darum sei die "Frage", das polemische "Aber" von Völker dahingehend beantwortet, was Hochschulpolitik mit Armut und Obdachlosigkeit zu tun habe: Alles.

 

Kommentar von Michael Völker (DER STANDARD) > derstandard.at/1259281985144/Audimaxbesetzung-Widerstands-Clique




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