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Dominic Kloos

 

Zu holzschnittartig


Siegburg (4.1.10): Das SÜDWIND-Institut hat im Dezember 09 eine Studie zu grüner Mode vorgelegt, welche von Kirsten Brodde als zu holzschnittartig kritisiert worden ist. Lesen Sie die Replik vom SÜDWIND-Studienautor Dominic Kloos.
Kirsten Brodde schreibt in ihrem Beitrag "Zu holzschnittartig", welcher nachstehend ausführlich zitiert werden soll, um in meiner Replik auf einige Argumente eingehen zu können: "Die gute Nachricht zuerst: In Sachen bio ist die kleine, grüne Modeszene weit vorne. Nur in Sachen Ethik hängen sie noch hinterher. Zu diesem Fazit kommt eine neue Studie des kirchennahen Südwind-Instituts aus Siegburg. Erstmals haben die Siegburger nicht die Goliaths der Textilindustrie unter die Lupe genommen, sondern diskutieren die Fortschritte der boomenden kleinen Konkurrenz. Von 204 angeschriebenen Labels antworteten nur 23, so dass ein verzerrtes Bild der Szene entsteht. Das Gros der Anbieter kommt also nicht vor. Bedenklicher ist jedoch, dass die steile Pressemeldung des Südwind-Instituts zu einem absurden Fazit führt, was die Studie nicht deckt und der Autor auch nicht beabsichtigt hat. In Sachen Ökologie und Ethik fallen die kleinen Anbieter weit hinter “internationale Standards” zurück, heißt es dort. Da die Ampel aber etwa beim Einsatz von Biobaumwolle bei nahezu allen bewerteten Unternehmen auf Grün steht, frage ich mich, wie so ein Widerspruch kommen kann. Kritischer sieht tatsächlich die Ethikbilanz der Firmen aus. Hier steht die Ampel eigentlich durchweg auf Gelb, gelegentlich auf Rot. Und das etwa bei Hess Natur, die sogar Mitglied der von Südwind favorisierten strengen Fair Wear Foundation (FWF) sind. Dominic Kloos, der Autor der Studie, möchte auch gelbe und rote Ampeln aber ausdrücklich als Ansporn sehen. Nur über den Weg sind wir uns vermutlich nicht einig. Persönlich finde ich, dass mehr Wege nach Rom führen als einzig ein Aufnahmeformular der FWF, hier ist mir Südwind zu dogmatisch und verkennt obendrein, welche zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten die Davids der Szene haben, um zu einem - bzw. mehrereren Prüf-Zertifikaten zu kommen. Umgekehrt unterschätzt die Studie - und hier wäre ein dickes Lob fällig - welche freiwilligen Bemühungen diese Firmen unternommen haben, um sauber und sozialverträglich zu produzieren - und zwar ohne gesetzlichen Zwang. Wo ist Fairliebt auf der Liste, wo Zündstoff aus Freiburg? Wo die Größeren wie Alnatura, denen niemand unterstellt, sie würden sich in Sachen Ethik nicht zur Decke strecken? Gut ist aber, dass nun eine Debatte darüber geführt werden muss, wie wir zu einer glaubwürdigen und erschwinglichen Möglichkeit kommen, solche fortschrittlichen Unternehmen auszuzeichnen? Ich bin gespannt, was den Siegelgebern dazu einfällt. Ich hoffe auch, dass Südwind darauf eine Antwort anbietet, die weniger holzschnittartig ist als bisher. Und natürlich kann auch diese Branche besser werden - lassen wir nur einfach bio nicht gegen fair ausspielen und Gräben schaffen, die ich eigentlich schon zugeschüttet glaubte. Ich finde dieses Schwarz-Weiß-Denken übrigens typisch deutsch. Fraglich ist für mich, wie sensibel die Medien und die Kunden mit den Studien-Ergebnissen umgehen. Schieben nun alle wieder Ethik-Frust und haben das Gefühl, sie werden über den Tisch gezogen? Ich warte jedenfalls mit meiner Konsumentscheidung zugunsten der grüne Mode nicht, bis alles 150prozentig ist. Muss alles sofort rundum perfekt sein? Die Taz sieht das offenbar ähnlich und müht sich kein Öl ins Feuer zu gießen. Wichtig ist eben, nicht alles in einen Topf zu werfen und genau zu prüfen, welche Hürde welcher Modemacher schon genommen hat. Wünschenswert wäre deshalb, dass Südwind dran bleibt und nächstes Jahr erneut prüft und dann Fortschritte sichtbar macht. Sonst bleibt es zu sehr aus der Hüfte geschossen."

Diskussion angeregt

Die Reaktion in dem Beitrag von Kirsten Brodde zeigt, dass eine Debatte über und mit„alternativen“ Modeanbietern zwar sensibel ist, nichtsdestotrotz geführt werden muss.

Dabei ist zunächst festzustellen, dass in der SÜDWIND-Studie kein Anspruch auf Repräsentativität gestellt wird, sondern lediglich die 23 Unternehmen einzeln und vergleichend vorgestellt werden, die dankenswerterweise an der Umfrage teilgenommen haben. Warum es nur so wenige waren und einige in dem Beitrag von Kirsten Brodde genannte dies nicht getan haben, muss von den angefragten Unternehmen beantwortet werden.

Korrekt wiedergegeben ist der Aspekt, dass die Studie kein Bashing, sondern ein Ansporn für die kleinen Unternehmen sein soll. Gelbe Ampeln sind nicht per se negativ zu bewerten, sondern können auch als Schritt in die richtige Richtung gedeutet werden. Im Schlusskapitel ist deutlich formuliert, dass das Aufkommen „alternativer“ Anbieter und deren Bemühungen einen positiven Trend darstellen. Die Studie ist als eine kritische Begleitung zu begreifen, die deutlich die Mängel benennt und Vorschläge zu deren Behebung macht.

Deswegen ist es auch kein Widerspruch, wenn von sieben ein Kriterium fast durchgängig eingehalten wird und in der Gesamtbewertung beschrieben wird, dass Anbieter, die an sich den Anspruch haben alle internationalen Standards einzuhalten, dies nicht umsetzen.

Dass der Vorschlag einer Mitgliedschaft in einer Multistakeholder-Initiative wie der Fair Wear Foundation kritisch beurteilt wird, sieht SÜDWIND sehr ähnlich (s. Schlusskapitel). Darin wird erläutert, dass diese Initiativen keine Garantie für „saubere“ Arbeitsbedingungen sind, nichtsdestotrotz zurzeit den einzigen – Kooperativen ausgeklammert – ansatzweise unabhängigen und damit glaubwürdigen Nachweis der Einhaltung von Arbeitsrechten liefern.

Dieser Aspekt sowie andere Kriterien sind in der Studie vorgestellt worden, um erstens Öko- und Sozialstandards zusammenzuführen und nicht immer getrennt zu beurteilen. Zudem um sie 2. bekannter zu machen, aber auch um sie zu diskutieren, sie ggf. zu verfeinern oder aus der Kritik heraus Ideen für andere Nachweise zu entwickeln. Wobei ich hier ausdrücklich nicht auf Zertifikate verweise. Ob diese nämlich „nach Rom führen“, ist aufgrund der eher schlechten Erfahrungen mit Sozialaudits sehr fraglich.

Aus Sicht von VerbaucherInnen, die nachhaltig konsumieren wollen und sich ein bestimmtes Preissegment leisten können, stimmt SÜDWIND mit Kirsten Brodde überein: Es ist allemal besser, bei Unternehmen einzukaufen, die ohne Greenwashing zu betreiben wichtige Schritte in die richtige Richtung unternehmen, auch wenn noch nicht alles 100%ig stimmt bzw. noch relativ weit davon entfernt ist.

SÜDWIND und auch die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) haben jedoch insbesondere auch eine globale Sicht auf die Textil- und Bekleidungsindustrie sowie den Welthandel. Unser Ziel ist es, dass die ArbeiterInnen in den Produktionsländern gerechte Arbeitsbedingungen vorfinden. Dabei haben die Erfahrungen der CCC in den letzten zwei Jahrzehnten zu der Zusammenstellung der Kriterien im Bereich Sozialstandards geführt. Dass es gerade hier noch Mängel bei nicht wenigen Unternehmen gibt, ist ein Fakt und sollte verbessert werden.

Denn nicht nur VerbraucherInnen hier sollten ein gutes Gewissen beim Einkauf haben. Neben der Umwelt sollten die Menschen in der gesamten Produktionskette laut eigenem Unternehmensanspruch von deren Marktpräsenz und Handeln profitieren. Und dies kann bisher nur durch die Einhaltung der in der Studie genannten Kriterien gewährleistet werden.

Die CCC und einzelne ihrer Mitträgerorganisationen wie SÜDWIND werden sich weiterhin an der durch die Studie angestoßenen Diskussion beteiligen und sie vertiefen. So wird die CCC z.B. bei der Modemesse thekey.to vertreten sein.

Autorennotiz: Dominic Kloos ist Politikwissenschaftler, bis Dezember 2009 freier wissenschaftlicher Mitarbeiter beim SÜDWIND-Institut in Siegburg (Fachbereich "Frauen und Weltwirtschaft/Sozialstandards im Welthandel") und seit Mai 2009 Friedensarbeiter bei pax christi im Bistum Limburg.

Bericht über die SÜDWIND-Studie auf Glocalist > bit.ly/5bHlgu

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