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Cornelia Daheim, Z_punkt The Foresight Company

 

Vom Versuch, die Weltprobleme zu lösen


Köln (12.7.10): Es ist heutzutage fast unmöglich, eine Zeitung aufzuschlagen, eine Webseite anzuklicken, einen Radiobeitrag anzuhören oder eine TV-Sendung zu verfolgen, ohne auf ein drängendes Zukunftsproblem hingewiesen zu werden. Anmerkungen zum neuen State of the Future Report. Von Cornelia Daheim
Die Zahl der Probleme wächst dynamisch, zudem werden die globalen Herausforderungen immer komplexer, und noch dazu erhöht sich stetig das Tempo des Wandels – Tatsachen, die in den Köpfen der meisten Menschen inzwischen fest verankert sind, auch in denen von Politikern und anderen Entscheidungsträgern.

Und nicht nur, dass die Probleme bekannt sind – und es liegt eine Vielzahl an Ansätzen vor, wie man sie lösen kann. Formuliert in Analysen und Lösungsstrategien, geht vieles allerdings unter in der steigenden Informationsflut unserer Tage. Wie nun filtert man aus dieser Menge an Szenarien und Lösungsstrategien diejenigen heraus, auf die es ankommt?

Zentrale globale Zukunftsherausforderungen zu benennen sowie Lösungsszenarien zu entwerfen – dieser Aufgabe hat sich das „Millennium Project“ verschrieben, ein globaler Think Tank, gegründet 1996. Internationale Experten aus Konzernen, Universitäten, NGOs, UNO-Einrichtungen und Regierungen, organisiert in weltweit 35 Knotenpunkten (Nodes), erforschen in einem partizipativen Prozess mögliche Wege, um eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände zu bewirken. Den deutschen Knotenpunkt, in dem Vertreter zentraler Institutionen der hiesigen Zukunftsforschung versammelt sind, leiten die Kölner Zukunftsforscher von Z_punkt.

Jährlich veröffentlicht das Millennium Project den „State of the Future Report“. Er umfasst unter anderem Zahlen- und Hintergrundmaterial zu den 15 größten globalen Herausforderungen. Zudem enthält er den „State of the Future Index“, der anzeigt, auf welchen Sektoren wir auf dem richtigen und wo wir auf dem falschen Weg sind, wenn wir die Herausforderungen meistern wollen. Auf diese Weise liefert er eine wichtige Grundlage für eine nachhaltige Entscheidungsfindung.

Seit kurzem liegt nun der 14. Bericht vor. Als wichtigste Handlungsfelder listet er auf:

1. Nachhaltige Entwicklung der Welt und Klimawandel
2. Versorgung mit sauberem Wasser
3. Bevölkerungswachstum und Ressourcen
4. Autoritäre Regime und Demokratie
5. Einführung langfristiger Ziele in der Politik
6. Informationsgesellschaft für alle
7. Ethisches Wirtschaften, das die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinert
8. Bedrohung durch Krankheiten
9. Behörden und Institutionen handlungsfähiger machen
10. Ethnische Konflikte, Terrorismus, Massenvernichtungswaffen
11. Rechte der Frau
12. Organisierte Kriminalität
13. Steigender Energiebedarf der Menschheit
14. Wissenschaftliche und technologische Innovationen zur Verbesserung des Lebens
15. Ethische Standards als Grundlage globaler Entscheidungen

Zwar lassen sich auf einigen Sektoren erfreuliche Fortschritte verzeichnen. So sinkt die Säuglingssterblichkeit weiter. Eine wachsende Zahl an Menschen hat besseres Trinkwasser zur Verfügung. In den meisten Weltregionen nimmt das Risiko eines Krieges ab. Die globale Armut sinkt, wenn auch nur ganz leicht.

Die Geschwindigkeit des Bevölkerungswachstums nimmt ab. Immer mehr Menschen haben Zugang zum Internet. Die Gleichberechtigung der Frauen schreitet voran, und global steigt die Lebenserwartung. Dennoch hat sich der State of the Future Index in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert. Maßgebliche Ursachen sind die Weltfinanzkrise sowie das Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen.

In den kommenden Jahren wird die Korruption zu einem immer drängenderen Problem. Aktuell betragen die Schmiergeldzahlungen nach Annahme der Weltbank jährlich eine Billion US-Dollar. Regierungen sind vergleichbar mit einer langen Kette von Entscheidungsstellen, und an einigen Stellen scheinen einige Menschen für Bestechungssummen sehr empfänglich.

Offenbar lassen sich Entscheidungen heutzutage kaufen und verkaufen wie Waffen oder Heroin. So droht Demokratie zu einer Scheinveranstaltung zu werden – und die Bestechungsindustrie zur heimlichen Leitindustrie. Wie man die weltweite Korruption jemals in den Griff bekommen will, ist nicht einmal ahnungsweise erkennbar. Auch beim Blick auf den CO2-Ausstoß sind die Aussichten alles andere als rosig. Hinzu kommt, dass infolge der Weltfinanzkrise die globale Wirtschaft schrumpft. Zuletzt fiel das jährliche Pro-Kopf-Einkommen um 2 Prozent auf 10.500 US-Dollar. In den nächsten zehn Jahren ist mit einem weiteren Anstieg der Erwerbslosigkeit zu rechnen.

Das zentrale Problem liegt nach Einschätzung von Jerome Glenn, Direktor des Millennium Projects, jedoch woanders: Vor allem fehle es an einer ernstzunehmenden globalen Strategie, die von den Regierungen, Unternehmen, NGOs, Institutionen der UNO und anderen internationalen Einrichtungen umgesetzt wird. „Nach 14 Jahren Zukunftsforschung im Rahmen des Millennium Project wird immer deutlicher, dass die Welt über die notwendigen Kapazitäten verfügt, um ihre Probleme zu bewältigen. Unklar bleibt jedoch, ob die Menschheit auch im entsprechenden Maßstab die richtigen Entscheidungen fällen wird, um den globalen Herausforderungen angemessen zu begegnen“, sagte Glenn.

Mögen sich manche Themen auch durchaus positiv entwickeln – damit ist lediglich belegt, dass einige der getroffenen Maßnahmen die richtigen waren. Ungebrochener Einsatz ist unbedingt weiterhin nötig. Vom Dialogangebot der im Millennium Project versammelten Einrichtungen können Entscheidungsträger nur profitieren.

Etliche Fragen, für die es das Hintergrundwissen aufbereitet, bleiben schließlich noch zu beantworten, etwa: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich unterschiedlichste Länder mit unterschiedlichsten Interessen auf eine globale Strategie einigen können? Wie lässt sich eine Zusammenarbeit großer Institutionen organisieren? Denn daran fehlt es noch eklatant. Anreizsysteme zu entwickeln, die eine Zusammenarbeit über Länder- und Institutionengrenzen hinweg für alle Beteiligten sinnvoll erscheinen lassen – anders gesagt: die Etablierung eines Schnittstellenmanagements –, wird von maßgeblicher Bedeutung sein.

Gut zu wissen immerhin, dass Wissen über globale Zukunftsherausforderungen vorliegt – als Basis, um diese Herkulesaufgabe zu bewältigen. Jetzt müssen es die Entscheider nur noch abrufen wollen.

Webtips

www.stateofthefuture.de
www.millennium-project.org

Autorinnennotiz: Die Zukunftsforscherin Cornelia Daheim ist Gründerin und Chair des German Node des Millennium Projects. Sie studierte Literaturwissenschaft, Anglistik und Psychologie in Essen und London und ist Geschäftsführerin von Z_punkt The Foresight Company.



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