Glocalist: Was ist ihr persönlicher Begriff von Nachhaltigkeit?
Albig: Nachhaltigkeit ist für mich verbunden mit den moralischen und ethischen Grundwerten, die wir in gesellschaftlicher und globaler Verantwortung umsetzen müssen. Mein persönlicher Begriff von Nachhaltigkeit unterscheidet sich insofern nicht von dem der UN-Kommission. Er besagt: Nachhaltigkeit stellt sowohl die Grundbedürfnisse aller Menschen und zukünftigen Generationen als auch die dauerhafte Existenzfähigkeit unserer Erde und den Erhalt ihrer Ökosysteme sicher.
Glocalist: Wohin soll Ihrer Meinung nach der Begriff Nachhaltigkeit konzeptuell weiterentwickelt werden?
Albig: Ich bezweifle, dass uns die Entwicklung von Begriffen weiterhilft. Neben der Nachhaltigkeit gibt es ja bereits weitere, eng mit ihr verbundene Grundsätze wie die Corporate Social Responsibility (CSR) und die Corporate Citizenship (CC), also unternehmerisches bürgerliches Engagement. Wichtiger erscheint mir die Auseinandersetzung darüber, wie wir auf der Basis dieser Prinzipien zu lebbaren Lösungen kommen. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise vor dem Hintergrund des Klimawandels und anderer existenzieller Probleme betrachtet, wirft die Frage auf, ob und wie wir uns vom klassischen Wachstumsdenken lösen können. Wir müssen also qualitativ wachsen und zu einer gerechteren Verteilung von Ressourcen und Teilhabe am Wohlstand kommen.
Glocalist: Welche Maßnahmen setzt die Stadt Kiel zur Realisierung von CSR und Nachhaltigkeit in Zukunft?
Albig: Das Thema CSR spielt in Kiel sowohl im Hinblick auf den Umgang mit den eigenen Betrieben und Beteiligungen als auch für den Dialog mit privatwirtschaftlichen Unternehmen eine Rolle. Die Hoffnung vieler Kommunen, durch Privatisierungen wirtschaftliche Vorteile zu erzielen, ist in den letzten Jahren vielfach enttäuscht worden. Private können eben nicht immer alles besser. Im Jahr 2009 haben wir zum Beispiel die wenige Jahre zuvor privatisierten Unternehmensanteile an der Kieler Verkehrsgesellschaft wieder zurückgekauft. So haben wir mehr Einfluss auf die Gestaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Außerdem setzen wir in Kiel mit einem Aktionsplan die Prinzipien der "Agenda 21" in die Tat um. Kiel ist Mitglied im Bündnis "Alianza del Clima" und wir setzen schrittweise ein Energie- und Klimaschutzkonzept um. Sie sehen: Als Stadt am Wasser ist uns Nachhaltigkeit eine Herzensangelegenheit.
Glocalist: Wie sehen Sie die Frage "CSR - freiwillig oder per Gesetz?
Albig: Im Vergleich zu den USA vertrauen wir Europäer historisch betrachtet eher auf gesetzliche Regelungen. Im Fall von CSR tendiere ich jedoch mehr zur Freiwilligkeit. Einen Raucher bringen Sie auch dazu, das Rauchen aufzugeben, indem Sie ihn dazu zwingen. Beispiele, dass es so besser klappt, sind in Kiel die Innovative Bauausstellung Kiel 2008 (InBA), bei der öffentliche und private Vorzeigeprojekte für ökologisches Bauen - zum Beispiel ein Verbrauchermarkt - einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Die InBA hat gezeigt: Ökologie und Ökonomie beißen sich nicht. Insofern setzen wir weiter auf die Freiwilligkeit gerade der Unternehmen bei diesem Thema. Die Kieler Wirtschaftsjunioren haben CSR 2007 zu Ihrem Jahresthema erhoben. Die IHK zu Kiel hat sich ebenfalls dieses Themas angenommen und dazu 2008 eine größere Veranstaltung organisiert. Das lässt uns alle auf mehr hoffen.
Glocalist: Abseits von der politischen Machbarkeit; was würden sie sich in Bezug auf Nachhaltigkeit wünschen, welche sind Ihre Visionen?
Albig: Bezogen auf Kiel wünsche ich mir, dass wir noch schneller noch mehr Menschen und Unternehmer von den Vorzügen nachhaltigen Denkens und Handelns überzeugen können. Nachhaltig ist, was den Menschen dient. Bei uns oder auf Haiti. Wir brauchen deshalb mehr Stiftungen, mehr Mitarbeiterteilhabe, gerechtere Lohnsysteme. Wir brauchen dagegen keine Schere im Kopf, die uns hindert, die eigene Lebensweise zu überdenken. Wir haben keine Zeit zu verlieren.
Glocalist: Wir danken für den Austausch und Ihre Zeit.
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Sonntag, 12. Feber 2012 - Eine andere Information ist möglich!



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