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POLITIK

Studie: Journalistisches Versagen in Leitmedien


Frankfurt a. M. (9.3.10): Die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner Stiftung hat eine aktuelle Studie mit dem Titel "Wirtschaftsjournalismus in der Krise" publiziert und das Resultat ist ernüchternd: Die Studie spricht von einem Versagen des Wirtschaftsjournalismus in deutschen Leitmedien.
Im Fokus der Studie standen die überregionalen Qualitätsmedien mit Schwerpunkt Wirtschaft, also SZ, FAZ, Financial Times Deutschland und Handelsblatt, sowie die DPA und der ARD. Wochen- und Monatsmagazine und verschiedene Webangebote wurden in dieser Studie nicht berücksichtigt. Thematisch hat man die Studie auf die Wirtschafts- und Finanzkrise begrenzt und der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von 1999 bis 2009. 1999 deshalb, um eine empirische Grundlage zu haben, ob der Journalismus seiner Rolle als Frühwarnsystem gerecht wurde. Vorwegnehmend; nach Ansicht der Studie wurde der Journalismus dieser Rolle nicht gerecht.

Die Studie stellte drei Fragen in den Mittelpunkt: hat der Wirtschafts- und Finanzjournalismus über die hier interessierenden Themenbereiche umfassend informiert?, lieferte er Orientierung?, und eben ob er seiner Funktion als Frühwarnsystem gerecht wurde. Untersucht wurden so rund 1.300 Meldungen und Berichte, weiters wurde mit sieben leitenden Redakteuren und drei Wissenschaftlern Intensiv-Interviews geführt.

Die wichtigsten Befunde der Studie sind zusammenfassend: Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung. Im Bereich der Wirtschaft, den die Gesellschaft selbst für ihren wichtigsten hält, leistet sie sich einen tagesaktuellen Journalismus, der wenig Information bietet und viel Desorientierung verursacht, fassen die Studienautoren Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt zusammen.

Storz und Arlt verwenden dazu die Metapher vom "Pfusch am Bau", um die Qualität der Berichterstattung zu beschreiben. "DPA und ARD-Aktuell machten auch dann in ihrer handwerklich schlechten Alltagsroutine einfach weiter wie zuvor.", kann man in der zusammenfassenden Pressemitteilungen lesen,

Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass die tagesaktuellen Massenmedien über Jahre hinweg das Thema Finanzmärkte und Finanzmarktpolitik und das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen weitgehend ignorierten und die ewig selben "Experten" - Rürup, Sinn und Gerke - zu Worte kamen, wenn Experten eingeladen worden sind. Die Rolle des Frühwarnsystem wurden die besagten Medien in keinster Weise gerecht nach dem Befund der Studie, da diese erst begannen von einer Krise zu sprechen als die offizielle Politik diese ausrief. Man kann auch von einem opportunistischen Duckmäusertum sprechen.

Entsprechend auch das Agendasetting in der Berichterstattung: Die kritische Darstellung der neuen Finanzbranche, ihr Wandel von einem Dienstleister zu einer Art Finanzindustrie, sowie die Folgen daraus für das Gemeinwohl, also die Perspektiven von Volkswirtschaft und Gesellschaft waren kein Thema: "Von Mitte des Jahres 2007 an hätten die Massenmedien ihrer Rolle als Frühwarnsystem gerecht werden können und müssen. Sie haben in dieser Frage versagt.", befinden die Studienautoren.

Und auch Selbstkritik wäre angezeigt: "Der Wirtschaftsjournalismus verliert seinem Publikum gegenüber kein Wort über seine Defizite der Vergangenheit."

Ernüchternd in diesem Zusammenhang die Auszählung des DPA-Journalismus: Er bestehe nach Angaben der Autoren "...im Kern aus dem Zusammenfügen von Zitaten und Stellungnahmen der jeweils wichtigen Akteure rund um aktuelle wichtige, meist regierungsoffizielle Ereignisse."

Das mehrfach erwähnte umfassende kritische Wissen und deren Vertreter werden bei dieser Art des DPA-Journalismus nur beiläufig oder nicht zur Kenntnis genommen. Und nicht viel besser die ARD: Nach “offiziellen Ausbruch” der Krise sind nur zwei „Brennpunkte“ gebracht worden. Dies halten die Autoren als für nicht angemessen vor dem Hintergrund, dass es sich um die schwerste Wirtschaftskrise seit dem II.WK handelt.

Die Autoren nennen dies “perspektivenarm”: Das heißt, im Mittelpunkt der Arbeit stehen die jeweils offiziell wichtigsten Akteure, Vertreter der deutschen Regierung zuallererst, Bankenvertreter, wenige Wissenschaftler und deren Sichtweisen.

Eine der fragenden Schlussfolgerungen der Autoren lautet: Hat das heutige journalistische System überhaupt die Arbeits- und Produktionsbedingungen, die es benötigt, um seinen Aufgaben nachzukommen? Die Antwort dürfte wohl eher Nein lauten. Was Gewerkschaften, gewerkschaftsnahe und SPD-nahe Organisationen, Verlage und Unternehmen dazu beitragen, muss aber auch gestellt werden. Aktuell fallen diese nicht durch eine überbordende Förderung eines unabhängigen Journalismus und unabhängiger Medien auf. Da sind sie gefühlter Weise auch eher Mainstream und ducken sich.

Download Studie > bit.ly/aWbOqL

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