Derzeit übernutzt die Weltbevölkerung die natürlichen Kapazitäten der Erde um rund ein Drittel. Die Hauptverantwortung für diesen Raubbau liegt bei den hoch industrialisierten Ländern. Doch nach Einschätzung der rund 60 Wissenschaftler, die am diesjährigen Bericht "Zur Lage der Welt" arbeiteten, ist ein Wandel der Konsumkultur möglich und bereits im Gang. Die Schaffung einer Kultur der Nachhaltigkeit ist das zentrale Thema des Berichts.
Bei der Vorstellung des Berichts sagte Erik Assadourian, einer der Direktoren des Washingtoner Worldwatch Instituts und Hauptautor des Buches: "Noch ist Konsumismus das kulturelle Leitbild, das Menschen Sinn, Zufriedenheit und gesellschaftliche Akzeptanz in dem suchen lässt, was sie konsumieren. Doch die Menschheit wird umdenken müssen. Wenn wir den Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation verhindern wollen, brauchen wir nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster."
Nach Ansicht von Gerd Billen, Vorsitzender des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv), geht es letztendlich nicht um Verzicht, sondern darum, das Umdenken als Chance zu begreifen: "Der Kunde bekommt ein Produkt und gleichzeitig handelt er klimafreundlich und schont unsere Rohstoffe. Damit der Verbraucher Klima- und Umweltschutz im Alltag besser leben und umsetzen kann, treten die Verbraucherorganisationen gegenüber Politik und Wirtschaft für hohe Umwelt- und Sozialstandards sowie transparentere Kennzeichnungssysteme ein."
Für eine konzertierte Aktion von Politik, Wirtschaft und Bürgergesellschaft plädiert Ralf Fücks, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung: "Nach dem Unvermögen der Regierungen, sich auf eine globale Antwort auf den Klimawandel zu verständigen, kommt es umso mehr auf die aufgeklärten Bürger an. Jeder einzelne kann zum Vorreiter für ein nachhaltiges Wohlstandsmodell werden. Wir alle können dazu beitragen, umweltfreundliche Produkte und fairen Handel zu fördern. Aber letztlich kann individuelles Verhalten die großen Weichenstellungen in der Energie-, Verkehrs- oder Steuerpolitik nicht ersetzen. Verantwortlicher Konsum, schärfere Standards für Industrie und Landwirtschaft sowie Lenkungsinstrumente wie die Ökosteuer gehören zusammen."
Die entscheidende Rolle des Staates auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft betont auch Hendrik Vygen, Mitglied im Vorstand Germanwatch e.V.: "Der Staat muss die Rahmenbedingungen setzen, die es Bürgern ermöglichen, nachhaltig zu handeln. Nachhaltiges Handeln muss zum Normalfall werden, nicht-nachhaltiges Handeln hingegen teurer und reguliert. Nicht nur mit Gesetzesinitiativen wie dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz kann der Staat wichtige Akzente setzen. Mit einer klimafreundlich ausgerichteten öffentlichen Beschaffung könnte der Staat zum Vorbild werden, Investitionsströme in Richtung nachhaltiger Produkte und Unternehmen lenken und gleichzeitig für eine deutliche Reduzierung unseres CO2-Haushalts sorgen."
Gut leben, doch nicht auf Kosten anderer – wäre das nicht erstrebenswert?
Im Moment ist unser Wohlstand auf Pump gekauft – bezahlen müssen die Ärmsten und die kommenden Generationen. Unser Konsumverhalten plündert die Erde und produziert endlos Abfall. Dieser Raubbau an der Natur, die katastrophalen Folgen des Klimawandels, die schreiende Ungerechtigkeit zwischen den armen und reichen Ländern, die Verheerung in den Seelen vieler Menschen – all dies erfordert mehr als ein paar kleine politische Reformen oder ein Stellen an der Steuerschraube.
Wir stehen an einem Scheideweg, an dem unser Herz gefragt und unser Kopf gefordert ist. Die notwendigen Veränderungen werden umfassend sein: Sie betreffen unsere Art zu wirtschaften ebenso wie unser individuelles Handeln. Wir brauchen – eine neue Kultur der Nachhaltigkeit. Im Beruf. In der Schule. In unserem alltäglichen Leben. Was im Einzelnen dafür getan werden muss, das beschreibt der Bericht "Zur Lage der Welt 2010" des renommierten Worldwatch Institute in Washington in seinem siebenundzwanzigsten Jahr. Die deutsche Ausgabe erscheint in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch. Der rund 300 Seiten starke Bericht dokumentiert Beispiele für neue Verhaltensmuster und Lebensstile, die für eine neue Kultur der Nachhaltigkeit stehen.
Beispiele für neue Lebensstile und Verhaltensweisen aus dem Bericht "Zur Lage der Welt 2010"
Im Folgenden ein paar Beispiele für neue Lebensstile und Verhaltensweisen aus dem Bericht "Zur Lage der Welt 2010", die die Konsumspirale durchbrechen und eine Kultur der Nachhaltigkeit einleiten:
• Soziale Unternehmer stoßen durch ihre Produkte oder Dienstleistungen direkt oder indirekt gesellschaftliche Veränderungen an: Das soziale Unternehmen Waste Concern in Dhaka, Bangladesch, errichtet kleine Kompostierungsanlagen und hat Müllsammler eingestellt, die organische Abfälle sammeln. Statt die Abfälle wie üblich zu verbrennen, produziert Waste Concern organischen Dünger: Es entstehen Arbeitsplätze, Müll wird reduziert und chemischer durch organischen Dünger ersetzt.
• Stadtplaner entwickeln Siedlungen, deren ökologischer Fußabdruck drastisch verkleinert ist: Das CO2-neutrale Sozialwohnungsbauprojekt im Londoner Stadtteil Beddington verwendete für den Bau der Häuser lokale und recycelte Materialen. Außerdem verfügt die Siedlung über ein mit Biomasse befeuertes Blockheizkraftwerk, Solarzellen und sog. Permakulturgärten, auch Grauwasser wird wiederhergestellt. Ein breites Angebot vor Ort verkürzt die Wege, die Zugstation liegt um die Ecke.
• Kirchen und Religionen setzen sich aktiv für die Bewahrung der Schöpfung ein: Interfaith Power and Light ist eine Initiative aus San Francisco, die amerikanischen Glaubensgemeinschaften hilft, ihre Gebäude zu ökologisieren, Energie zu sparen, das Bewusstsein für Energie- und Klimafragen zu schärfen und die Klima- und Energiepolitik auf staatlicher und auf Bundesebene zu unterstützen.
• Schulen demonstrieren Nachhaltigkeit im Alltag: Der Ort Lecco in Italien hat seine Schulbusse abgeschafft und „Gehbusse“ eingeführt: Es gehen jeden Tag 450 Grundschüler mit einem „Fahrer“ und freiwilligen Eltern auf 17 Routen zu 10 verschiedenen Schulen. Seit ihrer Erfindung haben die „Pedibusse“ mehr als 160.000 Kilometer Fahrleistung eingespart.
Buch:
Zur Lage der Welt 2010, Einfach besser leben: Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil
Worldwatch Institute (Hrsg.)
In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch
(Quellen: Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch)
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Freitag, 10. Feber 2012 - Eine andere Information ist möglich!



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