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WIRTSCHAFT

Deutscher Nachhaltigkeitspreis - Quo vadis?


Düsseldorf/Berlin (3.11.09): Der Tage wird mit großem Pomp der Deutsche Nachhaltigkeitspreis in Düsseldorf zum zweiten Mal verliehen. Nicht nur einige Preisträger sind umstritten, nun regt sich auch Kritik an den Sponsoren.
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis hat schon bei seiner ersten Verleihung etwas an Nachgeschmack und Zweifel hinterlassen, so trat ein Jurymitglied zurück, da es die Preisvergabe an VW und BASF nicht mittragen wollte.

Der heuer zum zweiten Mal vergebene Preis - unter Ehrenschutz von Bundeskanzlerin Angela Merkel - mit seinem Sonderpreis an den nunmehrigen Finanzminister und vormaligen Innenminister Schäuble ist ebenso geeignet, Verwunderung auszulösen, wurde Schäuble doch auf der anderen Seite von der hochrenommierten Organisation für Bürgerrechte, dem Big Brother Award, heuer ebenfalls mit einem Preis bedacht: Besondere Auszeichnung für menschenrechtswidriges Verhalten (s.h. Bericht Glocalist > Schäuble und Deutscher Nachhaltigkeitspreis: www.glocalist.com/news/kategorie/soziales/titel/schaeuble-zweifach-ausgezeichnet-bba-und-deutscher-nh-preis/ ). Da dürften die Wahrnehmungen und Einschätzungen sich diametral gegenüberstehen.

Auch mit der Frage der Transparenz hatte man sich voriges Jahr so der einen oder anderen Herausforderungen zu stellen (s.h. Glocalist > Bericht Deutscher Nachhaltigkeitspreis und Transparenz: www.glocalist.com/news/kategorie/wirtschaft/titel/deutscher-nachhaltigkeitspreis/ ), man schien aber diese auf Nachfrage der Glocalist Medien nach Eigenangaben gemeistert zu haben. Eine unabhängige, journalistische Überprüfung wurde aber nicht zugelassen. Man müsse Verständnis zeigen, hieß es damals gegenüber den Glocalist Medien.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist kein staatlicher Preis wie vielleicht der Name suggerieren mag. Organisiert und getragen wird der auf eine privatwirtschaftliche Initiative zurückgehende Deutsche Nachhaltigkeitspreis, u.a. von AT Kearny und BBDO, von einer namensgleichen Stiftung. Die BBDO ist heuer als Sponsor des Deutschen Nachhaltigkeitspreis nicht mehr dabei. AT Kearny sind auch einer der Hauptsponsoren des heurigen Vision Summit, welcher von Peter Spiegel, Geschäftsführer des Genisis Institute, federführend organisiert wird.

Zur Erinnerung: In der Antrittspressekonferenz des Deutschen Nachhaltigkeitspreises voriges Jahr in Berlin und unter präsentierender Teilnahme von Peter Spiegel in seiner damaligen Funktion für den nunmehr de facto in unrühmlichen Querelen stillgelegten BWA, wurde der Anspruch formuliert, die "Tarnkappenbomber" der Nachhaltigkeit zu demaskieren (Bericht zum BWA sh. Beitrag in DIE WELT > www.welt.de/die-welt/article4047714/Ein-Wirtschaftsverband-mit-hohen-Anspruechen-versinkt-in-Querelen.html ).

Neue Kritik erfuhr der heurige Deutsche Nachhaltigkeitspreis durch Dr. Hajo Gscheidmeyer, Priv.Doz. Dr. Arnd Mehrtens und Dr. Dirk Wassermann, die sich an der Liste der Sponsoren des Deutschen Nachhaltigkeitspreises stoßen: Coca-Cola, McDonalds und der Tabakkonzern Reemtsma.

So schreiben das Autorentriumvirat aus Bremen, dass man über Coca-Cola und McDonalds noch eine Debatte führen kann und wie auch schon auf Glocalist berichtet (s.h. Bericht > Coca-Cola, Armut und Wasser: www.glocalist.com/news/kategorie/soziales/titel/coke-50000-euro-gegen-armut/ ): "Eine Gesellschaft, die sich zu einer nachhaltigen Entwicklung entschlossen hat, sollte sich – und wird sich sicherlich – zur Überwindung solcher Lebensformen und Verhaltensweisen entschließen. Man mag (und sollte!) sich deshalb auch über Produkte wie die von McDonald's oder Coca-Cola streiten, da insbesondere Rinderzucht und „Rindfleischproduktion“ noch sehr viel klimaschädlicher sind als das Autofahren. Auch der schwarzen Zuckerbrause und ihren Derivaten kann man bestimmt kaum einen nachhaltigen Mehrwert attestieren, zumal auch dieser Konzern etwa bei der Abgrabung von Grundwasser in Indien wohl wahrlich überhaupt kein Fingerspitzengefühl bewies."

Nachhaltigkeit wird zur wachkomatösen Beliebigkeit

Beim Thema des Tabakkonzerns Reemtsma als Sponsor werden die Autoren jedoch scharf und sehen die Glaubwürdigkeit endgültig hinterfragbar: "Anders aber verhält es sich mit dem Rauchen. Tabakkonsum ist kein Grundbedürfnis wie Liebe, Essen, Trinken; Rauchen ist eine eindeutig-destruktive Verhaltensweise par excellence. (...) Doch muss es sein, dass sich die Bundeskanzlerin gerade unter dem so symbolischen Label der Nachhaltigkeit mit einem Sponsor der Tabakindustrie gemein macht – begleitet vom Nachhaltigkeitsrat der
Bundesregierung und dem BMAS als „Unterstützer?“ Erreicht der Begriff der Nachhaltigkeit hier – eben auch unter dem OK der Kanzlerin - endgültig eine wachkomatöse Beliebigkeit, beginnt schon hier die sukzessive „Entsorgung“ der Inhalte und der Verbindlichkeit dieser ursprünglichen, aber weiter zunehmend nötigen Vision? Die Unterstützung des Nachhaltigkeitsrates und v.a. die Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin wirken hier gegenwärtig zynisch – da doch gerade dieser Tage verschiedene Interessengruppen die Messer über dem Gesundheitswesen wetzen."

Auf Nachfrage der Glocalist Medien führt Dr. Wecker für den Deutschen Nachaltigkeitspreis aus: "Wir wollen niemanden ausgrenzen und stehen für alle Unternehmen in Deutschland offen. Es geht um die Stärkung des Standortes Deutschland und mit dem Thema Nachhaltigkeit wollen wir neue, innovative Produkte mit unterstützen." Weiters verweist man auf neue Methodenpartner u.a. das Wuppertal Institut. "Reemtsma ist mal eine Marke unabhängig von seinen Produkten, die sich ernsthaft mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen.", so Wecker und weiter: "Es darf keine Branche ausgegrenzt werden."

Kommentarhaft kann man nachsetzen, dass der Begriff Nachhaltigkeit im Mainstream angekommen ist und daher konsequenter Weise eine Debatte bis hin Auseinandersetzung um seine Deutungshoheit begonnen hat, nicht zuletzt deswegen, da zunehmend mehr Geld und Interessen dahinter stehen. Die "Tarnkappenbomber"-Diskussion hat nun auch jene eingeholt, die diese ausgerufen haben.


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