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WIRTSCHAFT

Vollzeitbeschäftigung verschwindet und Steuer steigt


Gütersloh (11.1.10): Was schon viele gefühlt haben, Experten schon lange wissen, bestätigt eine neue von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie: Traditionelle Vollzeitbeschäftsigungsverhältnisse verschwinden und 59% des Einkommens bei Geringverdiener sackt der Staat ein.
Die Zahl der traditionellen Beschäftigungsverhältnisse ist in Deutsch land seit 2001 im internationalen Vergleich stark zurückgegangen. Dagegen nahm der Umfang von Teilzeitjobs und befristeter Beschäftigung deutlich zu. Dies zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung, die gemeinsam mit dem Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erstellt wurde.

Das so genannte Normalarbeitsverhältnis ist durch eine unbefristete Anstellung in Vollzeit (Arbeitszeit von 30 Stunden oder mehr) charakterisiert. Nach dieser Definition befanden sich im Jahr 2008 60,1 Prozent aller Beschäftigten im Alter zwischen 25 und 64 Jahren in einem Normalarbeitsverhältnis. Seit 2001 ist diese Form der traditionellen Beschäftigung um 4,6% zurückgegangen, was man als erdutschartig bezeichnen kann.

Zu wenig Jobs im Dienstleistungsbereich

Nur Polen und die Niederlande sowie Luxemburg und Malta sei der Rückgänge noch größer.
Während in Deutschland in der Industrie traditionelle Beschäftigungsformen nach wie vor dominieren, sind diese im Dienstleistungssektor im Vergleich zu anderen Ländern deutlich weniger verbreitet. In Deutschland ist mit einer Quote von 53,2 Prozent nur gut jeder zweite Arbeitnehmer unbefristet und in Vollzeit beschäftigt.

"Mit dem Abbau traditioneller Beschäftigungsformen reagiert die Wirtschaft auf gestiegene Flexibilitätsanforderungen und die erweiterten Möglichkeiten im Zuge der Arbeitsmarktreformen alternative Beschäftigungsarten zu nutzen", so Eric Thode, Senior Expert der Bertelsmann Stiftung und Co-Autor der Studie.

Der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses geht mit einer schwachen Lohnentwicklung einher: Für Geringverdiener mit zwei Dritteln des Durchschnittseinkommens eines Arbeiters in der Industrie stiegen in Deutschland beispielsweise die Nettolöhne zwischen 2001 und 2008 lediglich um 1,6 Prozent. Der Durchschnitt in Europa lag dagegen bei 2,9 Prozent.

Als Ursache werden neben einem über weite Strecken unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum vor allem Struktureffekte gesehen, die durch die Schaffung von Teilzeitarbeit und marginalen Beschäftigungsverhältnissen entstehen. Die Zunahme niedrig entlohnter Arbeitsverhältnisse senkt die durchschnittli­chen Verdienste und vermindert so auch die Zunahme der Nettorealeinkommen.

Reiche werden reicher, geringe Einkommen zu stark belastet

Geringverdiener in Deutschland sind zudem überproportional von hohen Steuer- und Sozialabgaben betroffen und im internationalen Vergleich nach Dänemark am zweitstärksten belastet. Die marginale Belastung durch Steuern und Abgaben zuzüglich Transfers für Geringverdiener beträgt hierzulande 59 Prozent. Das bedeutet, dass von einem Euro, der brutto zusätzlich verdient wird, tatsächlich netto nur 41 Cent ausgezahlt werden. Der Rest verbleibt beim Staat in Form von höheren Steuern und Sozialabgaben bzw. geringeren Sozialtransfers. Im Vergleich dazu erhalten Durchschnittsverdiener immerhin 45 Cent und Arbeitnehmer mit höheren Einkommen sogar 56 Cent. In dieser Hinsicht wirkt das deutsche Steuersystem regressiv, die Steuerbelastung nimmt bei zunehmendem Einkommen also prozentual ab.


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